TV-Kritik
„Deutschland ist ein schlechtes Beispiel für Europa“

Bei Maybrit Illner übten Volker Kauder und Thomas Oppermann Große Koalition. Der neue Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter hielt dagegen. Aus seiner Sicht „verfrühstückt“ die GroKo die Zukunft.
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„Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns den Quatsch beenden“, fuhr SPD-Parteichef Sigmar Gabriel im heute-journal Moderatorin Marietta Slomka an, die beharrlich verfassungsrechtliche Bedenken gegen die SPD-Mitgliederentscheidung über den Koalitionsvertrag zitierte. „Große Koalition, großer Wurf?“, mit dieser Phrase wollte Markus Lanz im Programmtrailer auf seine Spätabend-Talkshow mit unter anderem Jürgen Trittin gespannt machen. Zwischendurch, in Maybrit Illners Talkshow ging es – natürlich ebenfalls um die Große Koalition, die also für eine Unmenge Fernseh-Gesprächsstoff gut ist.

„Schwarz-roter Eintopf – wer muss die Suppe auslöffeln?“, lautete das Thema. Illners Einleitung voller „Kraut und Rüben“-, „Chefkoch“- und „Suppenkasper“-Witze ließ die Erwartungen nicht gerade steigen. Daran gemessen, entspann sich eine doch halbwegs auch an Argumenten reiche Diskussion.

Das lag vor allem daran, dass zwei mutmaßlichen Koalitionären – dem Unions-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder und SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann – drei, später vier Gegner gegenübersaßen. Der neue Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter konnte mit seiner Formulierung, dass die Groko „die Zukunft verfrühstückt“, nahtlos an die Nahrungsmittelmetaphorik anknüpfen. Er hatte sie schon am Abend zuvor benutzt, als er allerdings allein mit Gregor Gysi in Ulrich Deppendorfs ARD-Studio saß. Beide waren nun gestern bei Illner, wo Gysi auch in der Woche vorher gastiert hatte (und scherzhaft ankündigte, von nun an jeden Donnerstag zu kommen). Die beiden Oppositionsführer freuten sich tatsächlich, ihre Argumente der Gegenseite präsentieren zu können.

Gysi wetterte dagegen, dass die Mütterrente aus der gesetzlichen Rentenkasse bezahlt werden soll, also von beitragszahlenden Lidl-Verkäuferinnen, nicht aber von Bundestagesabgeordneten. Hofreiter kritisierte die „Zukunftsvergessenheit der beiden großen Volksparteien“. Dritter, freilich zurückhaltenderer Gegner der Koalitionsvertrags war der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo. Die neue Regierung müsste mehr in Zukunftssicherung und Wachstum investieren, sollte etwa die Zahl der Beschäftigten von 42 auf 45 Millionen erhöhen wollen. Und die Möglichkeit zur Rente ab 63 sei ein „schlechtes Vorbild für unsere europäischen Partnerländer“, lauteten seine Argumente.

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  • @ Freidenker

    Also unzufrieden bin ich sicherlich nicht, sondern hoch erfreut über diesen Zank im heute Journal. Wenn öfter Politiker so angegangen werden , wachen sie vielleicht auf.

    Bezahlbares Zwangsfernsehen kann ich nicht entkommen ,
    da Politik meist über die ARD Kanäle ablaufen muss man informiert ja bleiben auch wenn hier manipuliert wird.

    Die Slomka ist nicht ohne, aber verliebt bin ich nicht in Sie. Sie ist nur 10 Klassen besser als die Illner .

  • Wenn man Deutschland als schlechtes Beispiel für Europa sieht, ist es sicher ein gutes Beispiel für Deutschland selbst. Mal sehen, wo Europa ohne Deutschland stünde!? Wir sollten unsere Zahlmeisterei an die Pleiteländer und das EU-Monster einstellen und mehr an uns selbst denken. Wir brauchen hunderte Milliarden für unser eigenes Land, siehe Straßen, Autobahnen, Brücken, Bahnen, Energieumstellung, Pflegebereich, Armutsrenten-Aufstockung und mehr. Andere EU-Länder hätten uns niemals unterstützt. Die deutschen Milliarden dürfen nicht in einer Einbahnstraße münden. Darum werde ich die europakritischen Bewegungen zur Europawahl unterstützen, die sich in vielen Ländern der EU breit macht. Die Schuldenvergemeinschaftung ist mir der größte Dorn im Auge!

  • Zukunftsvergessenheit?
    Nein, da wird nichts vergessen, das wird bewusst unterdrückt. Die Zukunft Deutschland findet in disem Vertrag nicht statt. Wohl weil beide Parteien Deutschlands Zukunft in Europa sehen. Aber da sollten sie sich erst die Vorstellungen der Bürger einholen, bevor sie entscheiden! Der politisch inszenierter Selbstbetrug kann nicht einfach so weiter betrieben werden.

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