TV-Kritik Günther Jauch: Genügend Kita-Plätze – so sicher wie die Rente

TV-Kritik Günther Jauch
Genügend Kita-Plätze – so sicher wie die Rente

Neue Erkenntnisse zum Kita-Problem in Deutschland hat Günther Jauchs Talk nicht geliefert. Trotzdem gab es ein paar interessante Einblicke, dazu Prä-Wahlkamp-Gerangel und ein paar seltsame Thesen von Norbert Blüm.
  • 33

BerlinWie wäre es mit einem Rheinschiff, so wie in Köln? Oder einer alten Fabrik wie in Leipzig? Vielleicht tun es auch schon ein paar Container, wie sie in Neuss gesichtet wurden? Irgendwo wird sich schon noch Platz für die Kleinen finden. Ab ersten August hat jedes Kind in Deutschland ab dem ersten Geburtstag rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Und bis dahin sind es nur noch ein paar Wochen hin. Die Zeit drängt, also werden einige Kommunen kreativ – und stocken ihr Betreuungsangebot mit Wasserfahrzeugen, Fertigungshallen und Großraumbehältern auf. So war es in einem Film zu sehen, den Günther Jauch am Sonntag während seiner Sendung einspielte. „Kein Platz für Kinder – was wird aus dem Kita-Versprechen?“, fragte Jauch in dieser Woche – und erhielt Antworten, die wenig Optimismus aufkommen ließen.

So begann Sozialwissenschaftler Stefan Sell seinen Redebeitrag mit einem Rechenbeispiel: In den vergangenen vier Jahren sind 200.000 neue Kita-Plätze geschaffen worden. Um den Bedarf zu decken, müssten nun innerhalb weniger Wochen noch 205.000 weitere entstehen. Der Experte, der den Ausbau und die Entwicklung der Kinderbetreuung erforscht, ist „der festen Überzeugung“, dass dies in vielen Gegenden, vor allem in städtischen Gebieten, „mit Sicherheit“ nicht gelingen wird.

Also, für die Akten: In Deutschland gibt es nicht genug Kitas. Das wird sich wohl auch bis zum Sommer nicht ändern. So weit, so bekannt. Neue Erkenntnisse haben Günther Jauch am Sonntag nicht vermittelt. Trotzdem lohnte sich das Einschalten: Denn die Sendung hat zum einen anschaulich gemacht, in welche Zwangslage Eltern mitunter geraten, und wie der Arbeitsalltag von Erzieherinnen in Deutschland aussieht. Zum anderen zeigte sich, dass die verantwortlichen Politiker keine schlüssigen Strategien haben, wie die Kinderbetreuung in ausreichendem Maße ausgebaut werden kann.

So teilte sich die Runde in zwei Lager: Es gab diejenigen, die den Mangel tatsächlich zu spüren bekommen, jeden Tag aufs Neue. Und es gab diejenigen, die mit auf Zuversicht gebürsteter Rhetorik gegen die Defizite anredeten. Und dann gab es noch Norbert Blüm.

Den Zwiespalt zwischen den politischen Zusagen und der Realität fasste gleich zu Beginn eine Mutter in Worte: „Die Politiker sind gesprächsbereit. Aber den Gesprächen folgen wenige Taten. Bei uns kommt nichts an“, sagte Astrid Dümler, Gründerin der Initiative „Mehr Kitas“ in Köln. Sie selbst ist bislang vergeblich auf der Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind: „Ich stehe noch auf einigen Wartelisten.“ Neben ihr saß ein Vater aus München, der einen Platz gewonnen hat – beim Krabbelwettbewerb eines lokalen Radiosenders. David Gall krabbelte schneller als alle anderen, also kam sein Kind in einer Kita unter. Sonst betrage die Wartezeit in der Stadt im Schnitt anderthalb Jahre.

Kommentare zu " TV-Kritik Günther Jauch: Genügend Kita-Plätze – so sicher wie die Rente"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Sorry, habe mich vertan. Ich meinte nicht den Kommentator der Seite 1, sondern DrmedDBoehm( Seite 4).

  • Vielen, vielen Dank an den ersten Kommentator!! Sie sind einer der wenigen, die sich dieses zu sagen trauen.
    Ich arbeite seit vier Jahren als Erzieherin in einer Krippe und habe jetzt bewusst einen Versetzungsantrag gestellt, weil ich Krippenbetreuung mit so großen Qualitätsmängeln( und inzwischen aufgrund der Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch generell) unverantwortlich finde. Meinem (kirchlichen) Träger sind aus finanziellen Gründen die Hände gebunden, und so wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. In diesem System möchte ich kein Rädchen sein.
    In meiner Gruppe sind überwiegend Kinder, die aus sehr gut gestellten Familien kommen, in denen die Mütter arbeiten gehen, um den Lebensstandard zu erhalten oder sich selbst zu verwirklichen.
    Wir ziehen Kinder heran, über deren Bedürfnisse ständig hinweggegangen wird und die sich nicht wehren können.
    Stattdessen werden sie krank, laufen ziellos im Gruppenraum herum( weil bindungslos), trauern offensichtlich oder passen sich an und unterdrücken ihre Gefühle. Gut nachzulesen in den Internetbeiträgen der Hamburger Psychologin Ann- Kathrin Scheerer. Aber eben nicht nur gelesen, sondern auch selbst erfahren.
    Was muss noch passieren, damit es einer merkt?
    Krippe macht viele krank, Kleinstkinder und Erzieher!!

  • Wir sollten Kindern in den ersten drei Jahren einen Platz in ihrer Familie organisatorisch und finanziell sichern. Wenn wir Eltern kleiner Kinder per Finanzdruck in Berufstätigkeiten locken oder zwingen, können sie ihre unersetzlichen elterlichen Arbeitsleistungen (liebevolle Fürsorge, Bindung, Vertrauensbildung)nicht ausreichend und nachhaltig erbringen. An den Zahlen der Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung kann man die veritable Ausbeutung von Eltern klar ablesen, und dass sich Mütter und Väter ihrer Rolle zunehmend ungewiss sind, spüren wir in Form der niedrigen Geburtenzahl und –rate.

    Unsere derzeitige "Familienpolitik" verhöhnt geradezu ihre Bezeichnung, wir exerzieren eine Familienabschaffungspolitik, und Jauch, Handelsblatt und andere scheinen dies nicht zu bemerken.

    Die Weigerung, familiäre Arbeitsleistungen zu entgelten gepaart mit der Forderung nach mehr Krippenbetreuung mag aus Sicht der Wirtschaft vorteilhaft erscheinen, weil kurzfristig Arbeitskraftreserven bei jungen Eltern für andere Felder locker gemacht werden, beutet Eltern aus (Doppelarbeit bei Einfachbezahlung) und ist zudem mit dem Kindeswohl unvereinbar, weil Krippenbetreuung - messbar! - so stressbelastend für U3-Kinder ist, dass sie an Kindesmisshandlung grenzt. Sie wussten das noch gar nicht? Überzeugen Sie sich selbst, die wissenschaftliche Basierung dieses für manche schockierenden Vergleichs wird zwar politisch unterdrückt, lässt sich im Internet aber finden, z.B. im Fachportal Bildung und Seelische Gesundheit.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%