TV-Kritik Günther Jauch: Spekulations-TV um Uli Hoeneß

TV-Kritik Günther Jauch
Spekulations-TV um Uli Hoeneß

In Abwesenheit des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß und belastbarer Fakten wurde bei Günther Jauch sensationell nichtssagend über die Steueraffäre getalkt.
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DüsseldorfAusgerechnet auf dem absoluten Höhepunkt der Bundesliga-Dominanz des FC Bayern München wird die polarisierendste Personifizierung des Vereins, der langjähriger Spieler, Manager und Präsident Uli Hoeneß, als Steuerhinterzieher bekannt. Klar, dass Günter Jauch dieses aktuelle Thema in seiner Sonntagssendung mitnimmt. Derart substanzlos bis an den Rand der Hilflosigkeit allerdings dürfte er kaum je eine Talkshow bestritten haben.

Mit einem Mini-Ausschnitt aus einer Jauch-Show des vorigen Jahres, in der Hoeneß selbst gegen Steuerpläne der Linkspartei gepoltert hatte, hatte die ARD bereits ihr redaktionelles Pulver verschossen. Jauch begann mit einer Rundfrage in die ausschließlich männliche und auch in puncto grimmiger Blicke einheitliche Runde, was die Gäste empfunden hatten, als am Samstagmittag die „Focus“-Vorabmeldung bekannt wurde.

Der ehemalige Leiter des „ZDF-Sport-Studio“ Dieter Kürten, der Sekunden zuvor mit der Aussage vorgestellt worden war, er sei wegen der Meldung „völlig von den Socken“, präzisierte, er sei „erschüttert, sehr überrascht und ein bisschen traurig“. Dieses Niveau der mehr oder weniger fundierten, vor allem redundanten Privatmeinung zu einem Fall, über den zu wenig bekannt ist, um sich darüber seriös öffentlich zu äußern, behielt die Sendung konsequent bei.

Zwar wurde kräftig spekuliert, etwa ob Hoeneß ins Gefängnis müsse, wie viel Strafe er in dem Fall hätte bezahlen müssen, dass das gescheiterte deutsch-schweizerische Steuerabkommen in Kraft getreten wäre (auf das er angeblich gehofft hatte), und ob er Bayern München-Präsident bleiben könnte. Antworten gab es kaum einmal in vage-spekulativer Form, weil Jauch so fahrig agierte, als sei er mit Beginn der Sendung vom Thema überrascht worden.

„Wenn die Zahlen stimmen, geht am Gefängnis kein Weg vorbei“, sagte mit seiner faszinierend tiefen Stimme der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, zur Gefängnisfrage. In der ARD-Sendung kursierten, genau wie am Wochenende in den Medien, sowohl dreistellige Millionensummen als auch drei Millionen Euro. Jörg Quoos, Chefredakteur des Magazins „Focus“, das die Hoeneß-Meldung als erstes vermeldete, konnte oder wollte keine Zahlen nennen, weil in seinem Heft keine stehen. Die Frage nach der „Focus“-Quelle für die Hoeneß-Information blockte er selbstverständlich ab. Ansonsten blieb er für einen Chefredakteur bemerkenswert wortkarg - was dem „Focus“ wenig Werbewirkung verschafft haben dürfte, aber immerhin seriös anmutete.

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  • Das sehe ich ganz genauso. Hätte die SPD EXCEL benutzt, hätte sie sich klar für das Schweizer Abkommen entscheiden müssen. Aber mit Milliarden zusätzlicher Steuereinnahmen kann man keinen Wahlkampf machen! Im übrigen wundert mich immer wieder, warum die Leute bei einer Kapitalanlage nicht einfach die Rendite nach Steuern als Entscheidungskriterium nehmen. Mich ekelt der Ankauf von Steuer-CDs von Kriminellen und das Anprangern von Menschen, die sich selbst anzeigen, ohne Rücksicht auf den sonst doch so wichtigen Datenschutz, an. Merke: Ohne Wüste gäbe es auch keine Steueroasen.

  • Herr Hoeneß hat einen Fehler gemacht. Er hat diesen Fehler zu spät erkannt. Dafür wird er nun zahlen. Das ist an sich auch nicht zu beanstanden. Völlig unkorrekt ist jedoch die Art wie hier Sensationsjournalismus betrieben wird. Der Gutmensch Jauch und seine Mitstreiter sind natürlich fehlerfrei und freuen sich diebisch, einen ''Promi'' zu richten. Steuerhinterziehung ist kein Kavaliersdelikt und muß bestraft werden, jedoch die Steuerverschwendung durch unseren Staat und Politiker unterscheidet sich nicht in der Sache von den Steuerhinterziehern. Beides ist Diebstahl am Volk und sollte auch entsprechend bestraft werden. Gleiches Recht für alle, nur gilt dieses wie so oft nicht für unsere Politiker. (Flughafen BER, Stuttgart 21 nur 2 Beispiele)Die Ungerechtigkeit im Land der Gutmenschen stinkt zum Himmel. Armes Deutschland

  • Ich teile die Meinung über Ihre Bewertung der Jauch-Talkshow!
    Aber was kritisieren Sie an der "berümt-berüchtigten" Doppelpass-Sendung von Sport1!?
    Für den (echten) Fußball-Fan ist sie in jedem Fall informativ und tagesaktuell!
    Muss Journalismus immer negativ beurteilen und der Machtgeilheit einer subjektiven Meinungsäußerung eines einzelnen Journalisten entsprechen?!

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