TV-Kritik „hart aber fair“: Beklommene Stimmung im Talkshow-Studio

TV-Kritik „hart aber fair“
Beklommene Stimmung im Talkshow-Studio

Bei Frank Plasberg diskutierten NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und weitere Politikerinnen über Konsequenzen aus den Kölner Silvester-Ereignissen. Die Sendung offenbarte vor allem Unsicherheit unter den Gästen.

BerlinIhre stärksten Momente hatte die erste politische Talkshow im neuen Jahr gleich am Anfang. Ganz ohne das übliche Einleitungs-Geplänkel befragte „hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg ein als „Augenzeugin“ vorgestelltes Opfer der Angriffe in der Kölner Silvesternacht. Die junge Frau, deren tatsächlicher Name nicht genannt wurde, berichtete im Einzelinterview, wie sie und zwei Freundinnen „von 50 Männern oder mehr umzingelt“, „Schlampe“ und „Hure“ genannt und „begrapscht“ wurden. Die Polizei sei aus ihrer Sicht „gar nicht präsent“ gewesen.

In der folgenden Stunde benutzten dann drei Politikerinnen, ein Polizeigewerkschaftler und ein Journalist zwar weitgehend bekannte, nicht selten phrasenhafte Formulierungen. Ein Bild der unsicheren, gereizten bis fahrigen Stimmungslage entstand in der Sendung mit dem Titel „Die Schande von Köln“ dennoch oder gerade deswegen.

„Wir müssen Integration arbeiten“ und „Wir müssen zeigen, dass der Staat handlungsfähig ist, aber die Offenheit der Gesellschaft erhalten“, forderte etwa die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

„Wir stehen in Deutschland vor einer der schwierigsten Situationen, die wir je hatten“, betonte Grünen-Politikerin Renate Künast. „Es wird nicht einfach, aber wer, wenn nicht wir...?“, fragte sie mit Blick auf nach der Nazizeit gelernte Lektionen rhetorisch.

„Es gibt keinen Generalverdacht, aber auch keinen Generalfreispruch“, sagte Rainer Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Und Heribert Prantl, Leitartikelverfasser aus der Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“, will sich nicht „von 1.000 Gewalttätern die wunderbaren Werte und Traditionen, die wir in der Nachkriegszeit geschaffen haben, kaputtmachen lassen“.

Solche Aussagen zeigten, wie viele eher diffuse Hoffnungen sich zurzeit auf internationales Bekämpfen von Fluchtursachen, die nächste Syrien-Friedenskonferenz und das Gelingen der Politik der Bundeskanzlerin richten. „Frau Merkel ist unterwegs, das in irgendeiner Weise auch europäisch hinzubekommen“, formulierte es hörbar improvisierend die CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. „Da bricht etwas aus, was unter der Decke geschwelt hat“, formulierte es Gastgeber Plasberg.

Gespannt erwartet worden war vor allem die stellvertretende SPD-Parteivorsitzende Kraft, die in der Debatte bislang kaum zu hören war, obwohl Köln in ihrem Bundesland liegt. Sie blieb eher leise - und wirkte damit zumindest weniger nervös als die in langen Bögen redende Künast. Den wunden Punkt, dass der jüngst in Paris aufgetretene islamistische Attentäter zuvor als Asylbewerber im ebenfalls nordrhein-westfälischen Recklinghausen gelebt hat, sprach sie selbst an.

Solche Probleme würden nun behoben, versprach sie. Etwa würden ab Februar alle Behörden Zugriff auf dieselben Fingerabdruck-Daten haben. Solche Probleme seien bisher vertuscht worden, sagte dagegen Rainer Wendt, der nur selten zu Wort kam: „Jeder Beamte weiß, dass er eine bestimmte politische Erwartungshaltung, die gezüchtet wird, zu erfüllen hat“, erklärte der Gewerkschaftler. Und wer darauf hinwies, sei „in eine rechte Ecke geschoben“ worden. Kraft widersprach natürlich. Das Klima, „dass medial-politisch sofort hergefallen wird“ über die, die bestimmte Dinge aussprachen, bestehe seit Silvester immerhin nicht mehr, sagte Kristina Schröder.

Solche aufschlussreichen Wortduelle gab es einige, und auch wenn sie nicht geklärt wurden, belebten sie die Sendung. Vor allem Plasberg und Künast zofften sich verbal, nachdem die Grüne gleich die tatsächlich verschwurbelte Einstiegsfrage missverstanden hatte.

Insgesamt agierte der Moderator aber konzentriert und weniger offensiv als üblich. Und auch die Einspielfilme kamen mal nicht marktschreierisch-zuspitzend daher. Teils bestanden sie nur aus Textblendungen (etwa Zitaten aus inzwischen eingegangenen Strafanzeigen). Einmal spielte Plasberg einen Ausschnitt aus einer seiner Sendungen im September ein, in der der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad bereits vor der „Machokultur“ einreisender Flüchtlinge gewarnt hatte.

Und ob sie nicht Angst hätten, dass die Deutschen „die Letzten in Europa sind, die sich an die klugen, humanistischen Gesetze“ halten, dass allen Flüchtlingen Schutz gewährt werden muss, fragte Plasberg mit Blick auf die neuen Regelungen in Dänemark und Schweden in die Runde.

Diese Angst gibt es wohl. Kurz vor Schluss bekam die CDU-Vertreterin im Studio dann doch noch konkret die Frage nach der viel diskutierten Obergrenze gestellt. „Wenn dieses Jahr noch einmal eine Million Flüchtlinge kommt, werden wir in der Integration scheitern“, machte Schröder die Stimmungslage auch in den Unions-Parteien ziemlich deutlich. Die Stimmung sei „beklommen in Bezug auf die Zuwanderung“

Es wurde also bemerkenswert viel deutlich. Statt der aus Talkshows gewohnten, selbstsicher auftretenden Zuversicht, dass der eigene Weg der richtige ist, herrscht selbst in Regierungsparteien eher trotziges Sich-Selbst-Mut-Machen. Die erste politische Talkshow des Jahres 2016 war erheblich aufschlussreicher als die meisten der zum Verwechseln ähnlichen, redundanten Talkshows von 2015.

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