TV-Kritik
„Kippas verteilen gegen Judenhass“

Das ZDF-Experiment, in einem jugendlichen Talkshow-Format über Antisemitismus zu diskutieren, glückte nur halb. Die Sendung wirkte hibbelig und die interessanten Gäste kamen kaum ins Gespräch.

In Maybrit Illners Talkshow Sommerpause ließ das ZDF am Donnerstag eine jüngere Alternative probeweise ins Hauptprogramm: "log in" läuft seit 2010 wöchentlich auf dem digitalen Nebenkanal "ZDFinfo". In der Vorwoche hatte das Moderations-Duo, Sandra Rieß und der stets geschniegelte Wolf-Christian Ulrich, bereits eine Tierschutz-Reportage flankiert. Gestern konnte es sich vor großem Publikum eines heißen politischen Eisens annehmen. „Feindbild Israel: Wächst in Deutschland neuer Judenhass?“, lautete das Thema.

Dass diese Frage beantwortet würde oder neue Lösungsvorschläge gemacht würden, konnte niemand erwarten. Im Studio prallten keine starken Gegensätze aufeinander. Eher verkörperten die Studiogäste den Konsens, der in der Mitte der deutschen Gesellschaft beim Themenfeld Antisemitismus und Israel herrscht oder zumindest öffentlich formuliert wird. Dennoch ging es in der Sendung nicht langweilig zu. Das hatte sowohl damit zu tun, wie der Nahostkonflikt und der aktuelle Gaza-Krieg die Gemüter erhitzen, als auch mit der Machart der Sendung.

Bei "log in" klatscht das Publikum lauter, die beiden Moderatoren agieren mit verteilten Rollen, was die Sendung schneller macht als herkömmliche ARD- und ZDF-Talkshows. Die Gäste stehen statt zu sitzen. Mit dem leicht redundanten Titel "interaktive Livesendung" bezeichnet sich "log in" deshalb, weil öfter als talkshow-üblich einige der tatsächlich zahlreichen Kommentare bei Twitter, Facebook und auf der Sendungs-Webseite login.zdf.de verlesen werden. Tatsächlich zeigten vor allem diese kurzen Einblendungen ins Internet, wie breit und heftig, teilweise hämisch und hassgetrieben über den Nahostkonflikt, über Juden und Muslime derzeit in Deutschland diskutiert wird.

Zwei der vier Haupt-Talkgäste waren Politiker: die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), mitunter gar als Geheimtipp für die Angela-Merkel-Nachfolge genannt, und der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger. Die beiden waren sich einig, dass Kritik an Israel nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden dürfe vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte vorsichtig geübt werden müsste. Kramp-Karrenbauer gab sich mit etwas bemühten Vergleichen staatsmännisch: Wenn gegen Israel demonstriert wird, müsste eigentlich auch gegen chinesische Politik, die in Tibet "sicher genauso unterdrückend" sei, demonstriert werden. Und das deutsche Zentralkomitee der Katholiken (dessen Mitglied sie ist) werde ja auch nicht für Aktionen nordirischer Katholiken verantwortlich gemacht. Sie kritisierte von der Linken veranstaltete Demonstrationen, bei denen es zu klar antisemitischen Äußerungen gekommen war.

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