TV-Kritik Maybrit Illner
Höfliche Herren und sachliche Argumente

Das ZDF überraschte am Donnerstag mit einer unspektakulär ruhigen Talkrunde zum Thema Steuerverschwendung. Doch gerade deswegen könnte das Format durchaus zukunftsweisend sein.
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Zu den Vorwürfen, die sich der ZDF-Talkerin Maybrit Illner nicht machen lassen, gehört mangelnder Mut vor schwergängigen Themen. Das hängt natürlich damit zusammen, dass sie anders als ihre ARD-Kollegen Jauch, Plasberg, Maischberger, Will und Beckmann keine unmittelbare Konkurrenz im eigenen Sender hat. Markus Lanz talkt schließlich immer über alles Mögliche, da kann Illner auch mal speziellere Themen angehen. Am Donnerstag ging es in ihrer Show nicht um die in der Luft liegenden Aufreger wie die verheerende Flut oder die vermurksten Drohnenpläne, sondern um ein zeitloseres Thema: „Teuer, nutzlos, falsch geplant - wer stoppt die Steuerverschwendung?“

Da hinein passten die Drohnen und die ausführlichen Rechtfertigungen, die Verteidigungsminister Thomas de Maizière am Mittwoch bei ARD und ZDF nacheinander vorgebracht hatte, natürlich dennoch. Doch es ging außerdem um den Berlin-Brandenburger Großflughafen, den Stuttgarter Bahnhof, um ältere problembehaftete Rüstungsprojekte, das „Dortmunder U“, das neue Berliner Schloss und sogar das Eisenbahn-Bundesamt. Es wurden Zusammenhänge hergestellt, die Jahre und Jahrzehnte im Blick hatten, wie Zuschauer des Fernsehgenres Talkshow das kaum mehr gewohnt sind.

Dazu hatte Illner sich eine Gästerunde eingeladen, die sich von gewohnten Talkrunden schon durch eine gewisse Sprödigkeit des Auftretens unterschied: Reiner Holznagel, der Präsident des Bundes der Steuerzahler, vertrat eloquent und mit vielen Beispielen seine Forderung nach Einführung des Straftatbestands der Haushaltsuntreue.

Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD), äußerlich ebenfalls eine Verkörperung höchster Seriosität, sah in die Gefahr, dass in so einem Fall aus Angst keine mutigen Entscheidungen mehr getroffen würden, Volker Kauder, der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, kam mit Beispielen aus seiner eigenen Verwaltungs-Erfahrung in Schwung („Wie Sie's machen, ist es nicht recht!“) und brachte das Exempel aus dem Eisenbahn-Bundesamt aufs Tapet; dort seien Ingenieure persönlich haftbar für Züge, weshalb die Freigabe von Zügen allerdings sehr schleppend verlaufe. Beide aktiven Politiker waren erwartungsgemäß gegen Holznagels Vorschlag.

Kommentare zu " TV-Kritik Maybrit Illner: Höfliche Herren und sachliche Argumente"

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  • Die Immunität der Politiker darf es nicht geben! Wer hat sie eingeführt? Das Volk nicht. Gerade ein Politiker, der mit fremdem Geld umgeht, muss in die Haftung genommen werden. Vielleicht reichen da schon 30 % des Privatvermögens, dass man sich der Entscheidungen bewusst wird. Es kann doch nicht sein, dass Steuerhinterzieher berechtigt hinter Gitter landen und massive Steuerverschwender frei rumlaufen (siehe de Maiziere). Das entspricht ja einer Bananenrepublik.

  • Glaubt wirklich jemand hier, dass unsere Politiker sich ein Gesetz schaffen, mit dem sie dann belangt werden können? Durch alle Parteien geht der Schulterschluss gegen ein Gesetz der Untreue, der Bestechlichkeit(aktiv und passiv) und der persönlichen Haftung bei Versagen. Dieses Gesetz wird es nur geben, wenn das Volk dieses Gesetz einbringt und durchsetzt. Dafür brauchen wir das Plebiszit - und das werden uns die Parteien nicht geben. Also müssen wir auf die Barrikaden gehen! Das heißt REVOLUTION. Das ist aber der Vorhof zur Hölle für den Deutschen Michel. Hätten wir Bürger das Recht über Großprojekte abzustimmen, dann sähe unsere Umwelt sicher anders aus. Keine Atommeiler und Großkraftwerke! Kein Dschungel an Strommühlen direkt an Wohn - und Erholungsbereichen. Uns als Verbraucher mit Plebiszit würde man auch keine Wäsche mehr mit krebserregenden Chemikalien verkaufen oder Nahrungsmittel mit 50 Chemikalien, deren Zusammenwirken völlig unbekannt ist. Auch dies ist ein Verbrechen an uns Menschen das unsere Politiker alleine zu verantworten haben. Diese Sendung ist notwendig und sollte alle 4 Wochen immer wieder unter wechselnden Perspektiven in den Medien aufgekocht werden.

  • Endlich besinnt sich das staatliche Fernsehen darauf mal sachlich zu informieren. bleibt nur zu hoffen, dass genügend Intelligenz im lande verblieben ist um das lauthals dumme Geschrei der Idioten zu übertönen.
    Zur Politikerhaftung bleibt nur zu sagen, das Geißler in soweit Recht hat, dass dies sehr schwierig sein wird.
    Trotzdem bleibt dieses Ziel unverzichtbar, weil die persönliche Verantwortung von Politikern weit hinter der von Unternehmenschefs zurückbleibt.
    Allerdings sind die Erwartungen zu hoch bei den Befürwortern. Wir brauchen erst mal einen kleinen aber signifikanten Einstieg, der dann allmählich und vorsichtig ausgebaut werden könnte. Zum Beispiel sollte Verfassungsbruch zu allererst rechtliche Konsequenzen haben. Die müssen aber erst mal relativ bescheiden ausfallen. Mein Vorschlag wäre sofortiger Amtsverlust und Verlust des Rechtes im Parlament zu sitzen. Weil wir mindestens Verfassungstreue voraussetzen müssen.

    Es muss bei solchen Strafbewehrungen darauf ankommen die großen und groben wie eindeutigen Übertretungen zu ahnden. Denn auch wenn der deutsche Michel das gerne ignoriert, in Regierungsverantwortung gilt nicht unbedingt das gleiche Recht, das für Normalverbraucher gilt, weil Machtinteressen und Beweisnotstände sich nicht nach Gesetzen richten.
    Zuletzt haben wir das erlebt bei der Steuerhinterziehung, als der Staat illegaler Weise die Steuer CD´gekauft hat.
    Leider ist da eine zweischneidige Sache, weil der selbe Staat das Recht aus dem selben Interesse, nämlich Steuereinahmen zu erhalten, systematisch auch dort beugt, wo er letztinstanzlich im Unrecht bleibt.
    Diese Einseitigkeit ist zumindest fragwürdig und untergräbt zu Recht die Loyalität der Bürger.

    H.

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