TV-Kritik Maybrit Illner
Große Politik und Geburtstagsfete

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„So, Herr Putin. Oh, jetzt nenne ich Sie ja schon Putin.“

Doch schnell erlahmten die engagierten Auftritte der Talkgäste aus der Anfangsviertelstunde. Schulz, der für die europäischen Sozialisten als Spitzenkandidat in die Europawahl geht, betonte die Bedeutsamkeit sozialer Sicherheit so oft, dass man meinen konnte, er habe bereits mit dem Wahlkampf begonnen.

Der russische Botschafter Grinin fühlte sich zunehmend in die Ecke gedrängt, rutschte auf seinem Stuhl hin und her, schaute oft zur Studiodecke und antwortete immer zögerlicher. Als Maybrit Illner etwa von ihm wissen wollte, ob Russland bereit sei, nach Unabhängigkeit strebende Regionen vom eigenen Land abzuspalten, verstand er die Frage nicht oder wollte sie nicht verstehen. Die Moderatorin wendete sich schließlich an die anderen Gäste, „damit wir es auch irgendwie schaffen, diese Frage noch zu beantworten.“

Und Staatsmann Genscher lächelte fröhlich vor sich hin, ließ sich „wegen ihrer charmanten Art“ auch gerne einmal von Schriftstellerin Petrowskaja unterbrechen. Von einer angestrengten Talkrunde oder gar einer hitzigen Debatte war zwischenzeitlich wenig zu spüren. Viel eher erweckten die Gäste den Eindruck, als säßen sie bereits für die Feierlichkeiten zum 87. Geburtstag von Genscher zusammen, der eine Stunde nach der Sendung anbrach.

Als die 60 Minuten schon fast abgelaufen waren, schaffte es Schulz doch noch einmal, große Politik in der Sendung zu machen: „Sind Sie zu einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit bereit, die einem Konflikt wie dem auf der Krim den Sinn raubt?“, wollte er vom russischen Botschafter wissen. Für Grinin sei Vertrauen in diesem Fall das Wichtigste. Wenn das wieder gegeben sei, könnten sich die beiden Seiten wohl verständigen. So schienen sich der westliche und russische Vertreter trotz der verhärteten Fronten näher gekommen zu sein.

Der Talkabend wurde seiner guter Besetzung abschließend gerecht. Am Anfang und kurz vor Schluss lohnte es sich die Ohren zu spitzen – zur Halbzeit der Sendung wirkten die Gäste eher wie eine Geburtstagsrunde. Illner entglitt die Diskussion aber nie. Auch wenn sie sich den Ausrutscher des Abends leistete. Als sich die Moderatorin gerade wieder Botschafter Grinin zuwendete, sagte sie: „So, Herr Putin. Oh, jetzt nenne ich Sie ja schon Putin.“

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Patrick Schwarz
Patrick Schwarz
Handelsblatt Online / Freier Mitarbeiter

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  • Schon die Auswahl der Gäste - Stichtwort: Die üblichen Verdächtigen - erweckt in mir das Gefühl, dass die eigentliche Intention dieser pseudointellektuellen Quasselshow des "Zensierten Deutschen Fernsehens" nicht die politische Aufklärung, sondern die subtile Meinungsmanipulation der Fernsehzuschauer ist. Zumeist schmeisst sich eine ganze Meute handverlesener Politagitatoren angriffslustig auf den zum Abschuss freigegebenen "Hau-den-Lukas-Gast". Echt fair!

  • Der alte Zausel hat so viel falsch gemacht als Außenminister dass er lieber die Klappe halten sollte.

  • hat der held eigentlich mal wieder ausländische sträflinge eingeflogen?

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