TV-Kritik
Polit-Show nach Art der schwäbischen Hausfrau

Maybrit Illner, eine der besseren Vertreterinnen deutschen Polittalks, hatte sich ein ganz großes Thema vorgenommen. Unter dem Titel "Schulden rauf, Steuern runter - will uns die Politik für dumm verkaufen?" diskutierte sie den Zusammenhang zwischen maroden Staatsfinanzen und Steuergesetzgebung. Die Zusammensetzung der Gäste versprach eine zumindest kurzweilige Plauderstunde.

BERLIN/DÜSSELDORF. Forsch stieg Illner in ihre Sendung ein: "Wussten Sie, dass Sie ab heute mit 19000 Euro verschuldet sind?" Gemeint war jeder Einzelne, ein kleines Hallo Wach zum Auftakt. Aber als sei das nicht genug, kam auch schon der erste Einspieler unter anderem mit einem Merkel-Zitat, in dem sie von Haushaltspolitik nach Art der schwäbischen Hausfrau schwadroniert.

Und jetzt kommt der Witz, ein echter Brüller: Die Redaktion hat tatsächlich ein schwäbische Hausfrau in die Sendung eingeladen! Und die Schwäbin Elke Ruf, erfüllte zu Beginn tatsächlich jedes Klischee, so dass man in Sorge war, sie sei drauf und dran, sich selbst vorzuführen. Kostprobe schwäbischer Weisheit gefällig: "Ich schau in mein Portmonnee und weiß, was ich ausgeben kann." "Bei so hohen Schulden könnte ich nicht mehr ruhig schlafen. Ich würde mich fragen, ob ich bei klarem Verstand war, es so weit kommen zu lassen." Erst später durfte die gute Frau dann zeigen, dass sie mehr drauf hat.

Auftritt des nächsten Gastes: Der Schweizer Publizist Roger Köppel, der so klug ist und gerne provoziert. "Die Schulden, die man heute macht, sind die Steuern von morgen. Das macht Deutschland als Standort unattraktiv. Das ist gut für die Schweiz, dann kommen viele Deutsche zu uns." Zwischenruf Ex-Finanzminister Hans Eichel: "Und die bringen ihr Geld mit!" Und da war der eigentliche Aufreger der Sendung auch schon ausgesprochen: Die böse Schweiz, die mit ihren kommoden Steuergesetzen wehrlose deutsche Millionäre ins Land lockt.

Aber zurück zu den deutschen Schulden: CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer darf schnell darauf hinweisen, dass die Schulden der schwarz-gelben Koalition in den 90er Jahren Investitionen in die Zukunft Deutschlands gewesen sein. Es sei schließlich um den Aufbau Ost gegangen. Aber da kommt auch schon der nächste Einspieler, der uns eintrichtert: In jeder Sekunde steigen die Schulden um 4439 Euro! Noch mehr Horrorzahlen und dann die Frage: Was ist zu tun? "Steuern senken", sagt Ramsauer.

Aber da liegt noch ein Einspieler vor. Diverse Politiker äußern sich für oder gegen Steuersenkung, je nach Couleur. Auftritt Ex-Finanzminister Eichel. Er sei fassungslos: "Wir machen 500 Mrd. Euro mehr Schulden. Steuersenkungen sind völlig unrealistisch." Eine Position, die wir von Eichels Nachfolger zur Genüge kennen. Hübsche, kleine Provokation vom Schweizer Köppel: "Sie müssen dem Staat Mittel entziehen, um ihn zu zwingen zu sparen!"

Auftritt des Gastes Martin Richenhagen, der laut Illner bei "einem" amerikanischen Unternehmen arbeitet. Ach, da ist sie wieder, die öffentlich-rechtliche Doppelmoral: Product Placement durfte zumindest in der Vergangenheit sein, aber sagen, bei welcher Firma der Mann arbeitet, darf man nicht! Richenhagen, der übrigens beim Landmaschinenhersteller Fendt arbeitet, sagt: "43 Prozent Staatsquote sind zuviel!" Aber da ist es auch schon wieder Zeit für den nächsten Einspieler. Und spätestens jetzt wird deutlich, wie sehr diese dauernde Einspielerei nervt. Eine vernünftige Diskussion kommt so jedenfalls nicht zustande.

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