TV-Kritik
„Schmidt Schnauze“ und „klare Kante“

Der gestorbene Altkanzler war nicht nur der letzte Raucher im deutschen Fernsehen, sondern eine Mediengestalt, wie es wohl keine mehr geben wird. Über einen Fernsehabend voller Schmidt-Nachrufe.

BerlinDienstagabend, Viertel vor zehn: Das „heute-journal“ im ZDF widmet seine erste Hälfte Helmut Schmidt. Nach dem Rückblick auf das bewegte Leben des Ex-Bundeskanzlers mit allem, was man am Tag schon oft gesehen hat – Hamburg 1962: Helmut Schmidt zündet entschlossen eine Zigarette an, Mogadischu 1977, der Nato-Doppelbeschluss ... – würdigt Moderatorin Marietta Slomka Schmidt per Interview mit einem zugeschalteten Gast. Peer Steinbrück dafür anzufragen war eine gute Idee. Der SPD-Kanzlerkandidat von 2013 schlägt einen pragmatischen Ton an, der nach all dem inzwischen aufgelaufenen großen Nachruf-Lob erfrischt. Schmidt hätte er wahrscheinlich gefallen.

„Es ist ihm natürlich auch nicht alles gelungen“, sagt Steinbrück etwa. Die Friedens-, die Frauen- und die Umweltbewegung habe er in seiner Zeit als Regierungs-Chef nicht vorhergesehen. Natürlich lobt Steinbrück den Altkanzler vor allem. Den von ihm zitierten Schmidt-Satz, dass es in der Politik nicht auf das gut Gemeinte, sondern auf das gut Gemachte ankomme, werden wahrscheinlich viele Zuschauer gerne auf die unmittelbare Gegenwart interpretiert haben.

Dieser sonstigen Tagespolitik widmet sich das „heute-journal“ 15 Minuten, bevor im ZDF die 40-minütige Sondersendung unter dem nicht ungeheuer inspirierten Titel „Ein Leben für die Politik“ erneut, nun etwas ausführlicher auf Schmidts Leben zurückblickt.

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Lesen Sie unter anderem:

  • Was für ein Mensch! – Nachruf auf einen großen Deutschen. Von Gabor Steingart
  • „Europa ist der unerlässliche Rahmen“ – Woran sich die deutsche Politik unter Schmidt auszurichten hatte. Von Hans-Jürgen Jakobs
  • Der unbequeme Welterklärer – Erst im Alter wurde Schmidt zum bewunderten Klartextredner. Von Sven Afhüppe
  • Einfach nur die Spur halten – Wo Schmidt im Vergleich mit Adenauer, Brandt, Schröder und Merkel steht. Von Arnulf Baring

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    Zur selben Zeit widmet der öffentlich-rechtliche Kanal Phoenix die konzentrierteste Talkshow im deutschen Fernsehen, die „Phoenix-Runde“, ebenfalls Schmidt. Es erinnern sich die Politiker Kurt Beck, Günther Beckstein und Christian Ströbele.

    Gleichzeitig zeigt das NDR-Fernsehen eine Wiederholung des 90-minütigen Dokumentarspiels „Helmut Schmidt – Lebensfragen“ von 2013: Ein Schauspieler verkörpert Schmidt als jungen Mann, während die inzwischen jedem zappenden Zuschauer vertraute tiefe Stimme des alten Schmidt von seiner Jugend und von seinem strengen Vater erzählt.

    Überhaupt hat der Sender aus Schmidts Heimatstadt Hamburg eine Menge für die am Dienstag nicht mehr völlig überraschende Nachricht von Schmidts Tod vorbereitet. Schon am Nachmittag lief die 45-Minuten- Dokumentation „Hanseat und Staatsmann“, die der NDR dann noch mal um 20.15 Uhr und das erste Programm der ARD um 23 Uhr wiederholte.

    Und die vom NDR verantwortete Nachrichtenredaktion hatte im ARD-Programm um 15.20 Uhr die 2340. Folge der Serie „Sturm der Liebe“ abgebrochen, um Schmidts Tod zu melden. Um 20.15 Uhr war die ARD mit einer Sondersendung mit Studiogästen und vorbereiteten Rückblicken am Start – genau wie das ZDF um 20.00 Uhr. Ein Reporter vorm Hamburger Rathaus schilderte, wie Hamburger Blumen, aber auch eine Mentholzigarette niederlegen. ARD-Moderator Rainald Becker hatte den TV-Veteran Friedrich Nowotny, ARD-Talkerin Sandra Maischberger und auch bereits Steinbrück zu Gast. Bezüge zur aktuellen Politik riss Becker leicht an (Steinbrück wurde gebeten, zu mutmaßen, was Schmidt zur aktuellen Flüchtlingspolitik gesagt hätte). Dafür bekam die ARD-Eigenwerbung Raum. Schließlich wurde Maischbergers reguläre Dienstagabend-Talkshow am späten Abend durch eine Sonderausgabe mit Helmut Schmidts „wichtigsten und berührendsten Auftritten“ in ihrer Sendung ersetzt.

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    Gerhard Schröder im Interview

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