TV-Kritik
„Wir haben Friedrich nicht über die Klinge gehen lassen“

Der Fall Edathy erschüttert die Republik. Auch Günther Jauch und seine Gäste gingen dieser „Skandallawine“ – den Vorwürfen gegen SPD-Politiker und den Machenschaften im Hintergrund – nach. Auf bemerkenswerte Weise.
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Kaum eine andere Affäre der jüngeren Vergangenheit hat innerhalb so kurzer Zeit so viele erstaunliche Wendungen genommen wie die um den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy. Während die strafrechtliche Relevanz der Vorwürfe gegen den SPD-Politiker weiterhin unklar ist, gilt Kritik inzwischen der Staatsanwaltschaft Hannover sowie führenden SPD-Politikern. Zurückgetreten ist am Freitag der Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) – wegen seiner Verantwortung in seinem vorherigen Amt als Innenminister, in dem er gravierendes Geheimdienst-Versagen im Fall der NSU-Morde und der NSA-Überwachung zuvor noch locker überstanden hatte.

Günther Jauchs Versuch, diese dynamische Entwicklung dieser „Skandallawine“ zu durchleuchten, gelang am Sonntag bemerkenswert gut. Die ARD-Talkshow vollzog die unterschiedlichen Wissensstände zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach, umriss Rechtsbegriffe wie Unschuldsvermutung, Anfangsverdacht und Geheimnisverrat kundig und verharmloste weder die Situation, in der Edathy sich befindet, noch das viel schlimmere Phänomen der Kinderpornografie. Die jetzt oft angemahnte, rechtsstaatlich essentielle Unterscheidung zwischen moralischen und strafrechtlichen Aspekten gelang.

Selbst bei den Einspielfilmen hatte sich die Jauch-Redaktion richtig Mühe gegeben, statt wie sonst oft Altbekanntes polemisch zu remixen. Welche Wege die brisante, vertrauliche Information, dass Edathy sich bei einem kanadischen Anbieter Bildmaterial von nackten Kindern bestellt hat, in Deutschland vom BKA über den Innenminister und mehrere Politiker der SPD bis in zahlreiche Landeskriminalämter genommen zu haben scheint, zeichnete der anfängliche Einspieler nach.

Studiogast Georg Mascolo, Ex-„Spiegel“-Chefredakteur und inzwischen als Leiter des Rechercheteams von NDR, WDR und SZ ein ARD-Kollege Jauchs, siedelte die Zahl der Menschen, die seit November davon erfahren haben, angesichts des großen Kreises eingeweihter Behörden im „dreistelligen“ Bereich an. Wirklich vertraulich ist die Information also nicht behandelt worden.

Verständnis gab es für Friedrich, der während der Koalitionsverhandlungen SPD-Parteichef Sigmar Gabriel eingeweiht hatte, um dem Regierungspartner zu ersparen, dass Edathy möglicherweise auf einen Regierungsposten aufrückt und erst dann beschuldigt wird. „Wie in einer antiken Tragödie“ habe Friedrich, sobald er die Information erhielt, nur noch die Wahl gehabt, „etwas zu tun, was falsch ist oder etwas anderes, was genauso falsch ist“, sagte „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen. „Friedrich stand mit beiden Füßen auf der Seife“, formulierte es Friedrichs Parteifreund Wolfgang Bosbach (CDU) flapsiger. „Er war ein ausgezeichneter Kollege“, lobte Karl Lauterbach und beteuerte: „Wir haben Friedrich nicht über die Klinge gehen lassen.“

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  • Die Bundesregierung ist diskreditiert ! Wenn hier etwas besser werden soll, müssen auch Gabriel, Steinmeier sowie Oppermann sofort den Rücktritt wählen. Wenn Merkel ebenfalls involviert war, muss sie auch gehen. Alle sind dem deutschen Bürger nicht mehr zuzumuten.

  • Ich frage mich, unter welcher Prämisse unsere Staatskultur gesehen wird? Was ist das, was wir hier machen? Das ist irgendwo zwischen Politik, Selbstüberschätzung, Irrwitz und Wahnwitz- das ist nichts. Wir leben in einer vollkommenen Art semantischen Dunstvakuums namens Freiheitshysterie: Hatte Herr Edathy nicht die Freiheit, sich im rechtlichen Rahmen zu bewegen? Und sind Bilder von jugendlichen Personen nicht legal? -Nein.

    Es sind nicht nur die Banken, die "...im Namen der Freiheit" den Wert der Arbeit und damit unseren gesellschaftlichen Wertekanon torpediert haben. Wer hat angefangen damit, zum eigenen Vorteil politische Gegner mit scheinheiligen Argumenten aus dem Rennen zu bringen? Merkel kotzte gegen die Agenda 2010, wurde Kanzlerin, und dann? Dann regierte die große Koalition. Also die SPD.

    In Sachsen- Anhalt erkennt man noch besser was so los ist im politischen Geschäft: Korruption. Aber dieses Thema hat mit der großen Koalition in Berlin nichts zu tun. Es sind nur zufällig dieselben beiden Parteien, die da regieren: Schäubles konservative CDU und Merkels quasi- Sozialdemokratie- getue. Das alles auf Landesebene.Unbedeutend.

    Alles in allem bleibt die politische Arbeit liegen. Die SPD kümmert sich um Edathy. Die CDU auch. Ist ja sowieso kein Geld da.

    Die Finanzkrise kann den Stumpfsinn der Politiker nicht mehr überdecken, die Banker dienen nicht länger als Sündenbock für das politische Versagen. Wer will denn erzählen, dass der Fall Edathy nicht das Ventil eines von vorn herein vollkommen sinnlosen Koaltionsvertages mit Sprengsätzen genutzt wird. Und wäre das nicht sogar "wahr".

    Im Gegensatz zu Steuerbetrug oder Finanzkrise oder Niedriglöhne ist der Fall Edathy Anstoß zu der Frage: Wie wollen diese Personen in der Politik den deutschen Staat der Zukunft formen?

    ...oder hatte man in Berlin darauf gehofft, den Sommer 2014 mit diesem Skandal zu überdauern?

    Besser Grün oder Linke oder AfD wählen. Wer weiß schon, was da noch so schlummert CDU, CSU, SPD

  • Es war gar nicht notwendig, daß über Friedrich et al
    Informationen an Egathy gelangten , denn der war sicherlich schon vorgewarnt durch einen Spiegel Artikel, der im November erschien (unbedingt mal lesen!)

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kanada-polizei-sprengt-internationalen-kinderpornoring-a-933678.html


    und man ist erstaunt, was sich da im Vorfeld schon alles abgespielt hat und in anderen Ländern die "Täter"
    schon abgeurteilt waren.

    Daraufhin hat der Anwalt von Egathy eine Nachfrage bei den Behörden gestartet, ob gegen seinen Mandanten "etwas vorliegt".

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