TV-Kritik zur Saarland-Wahl: „Schulz-Zug“, Fußball-Floskeln und abgebrühte Generalsekretäre

TV-Kritik zur Saarland-Wahl
„Schulz-Zug“, Fußball-Floskeln und abgebrühte Generalsekretäre

In der TV-Berichterstattung zur Saarland-Wahl hatte sich die SPD-Prominenz frühzeitig vor den Kameras versammelt. Den flottesten Spruch äußerte aber ein CDU-Mann. Neu in der Arena: selbsternannte Populisten.
  • 8

BerlinUnmittelbar, bevor um 18 Uhr die ersten Prognosen veröffentlicht wurden, scharrten schon eine Menge ARD- und ZDF-Reporter mit den Hufen und vertrieben die Zeit mit Vorabberichten von den bevorstehenden Wahlpartys. „Champagner und Sprudel stehen bereit“, hieß es etwa bei den Grünen. Lebensfreude zu demonstrieren, verstehen die Saarländer eben.

Kaum dass Jörg Schönenborn in der ARD den „gigantischen Erfolg“ der CDU verkündet hatte, war klar, dass Grund zum Feiern eigentlich nur eine Partei hatte. Das Stichwort der folgenden Stunde brachte Schönenborn aufs Tapet: „Schulz-Effekt“ lautete es. Zum „Schulz-Zug“ oder „Schulz-Hype“, wie Katja Kipping von der Linken lieber formulierte, mussten sich alle äußern, die durch die Wahlstudios der Sender in Saarbrücken und Berlin tingelten.

Frühzeitig stand vor allem SPD-Prominenz an Mikrofonen parat – offenkundig in der Erwartung, einen Erfolg kommentieren zu können. Beim ZDF war Talkshow-Haudegen Ralf Stegner zugeschaltet, der notgedrungen zum Erfolg erklärte, dass es weiterhin „ohne die SPD keine Regierung“ geben wird.

Aus dem Amtsbonus, der an der Saar gewirkt habe, zog er Hoffnungen für den Wahlkampf in seinem Heimat-Bundesland Schleswig-Holstein. Dort wird im Mai gewählt. Stegners „Wir haben schon auch aufgeholt in den letzten Monaten“ setzte sich dann als SPD-Linie durch: Da zum Zeitpunkt von Schulz' Antritt die Partei im Saarland noch niedrigere Umfragewerte verzeichnet hatte, habe der Schulz-Effekt schon auch gewirkt.

Zur selben Zeit vermutete der Bundesjustizminister und saarländische SPD-Politiker Heiko Maas vor ARD-Kameras auf Nachfrage, dass Martin Schulz „gut drauf“ sei, obwohl er zwar am Nachmittag, aber in den circa sieben Minuten seit Prognose-Bekanntgabe noch nicht mit ihm telefoniert hatte.

Gut drauf zeigte sich zunächst der AfD-Landesvorsitzende Josef Dörr, der die gestiegene Wahlbeteiligung als „Wirkung der AfD“ reklamierte und mit der Ansicht überraschte, dass es für eine Oppositionspartei, die ohnehin nicht in Koalitionen eingebunden werde und werden wolle, nicht so wichtig sei, ob sie nun sechs oder zehn Prozent der Stimmen bekam – unmittelbar, bevor im ZDF der umstrittene Spitzenkandidat Rolf Müller noch Hoffnungen äußerte, dass die AfD-Werte noch steigen würden. Schließlich würden AfD-Wähler Wahlforschern auf Fragen, wen sie denn gewählt haben, zurückhaltend reagieren.

Dass AfD-Vertreter es weiterhin verstehen, zu überraschen, zeigt dann auch Vizechef Alexander Gauland im Interview mit Thomas Baumann aus dem ARD-Hauptstadtstudio. „Wir als populistische Partei“, hob er an, um dann erklären zu wollen, wie schwierig die Konkurrenzsituation im Saarland mit Oskar Lafontaine als Spitzenkandidat der ebenfalls populistischen Linken gewesen sei. Diese Formulierung nahm CDU-Generalsekretär Peter Tauber gerne auf, als er in seiner Ansprache in der Parteizentrale von den besiegten „Populisten von links und von rechts“ sprach.

18.39 Uhr war es dann, als, zuerst bei Phoenix, Martin Schulz persönlich vor die Kameras trat. Er habe gehofft, „dass wir gleichauf“ oder „vielleicht sogar vorne“ liegen würden, bekundete er, ohne sich vom schließlich deutlichen Rückstand lange verdrießen zu lassen. Das Ergebnis habe „positive und negative Seiten“. Schulz gab als neue Lösung aus, die er - wie alle seine Losungen im Lauf des Abends - gerne wiederholte (und kurz darauf im ZDF gleich zur Fußball-Floskel „Spiele dauern 90 Minuten“ variierte): Die Bundestagswahl zu gewinnen, sei „ein Langstreckenlauf und kein Sprint“.

Bei Phoenix war Schulz' Auftritt im Berliner Willy-Brandt-Haus früher und auch länger zu sehen gewesen als in der ARD. Dort wurde er ausgeblendet, als Kanzleramtsminister Peter Altmaier vor den Kameras erschien. Mit „je länger wir regieren, desto besser ist es für Deutschland insgesamt“ gestattete sich das von der Saar stammende Schwergewicht den flottesten Spruch des Wahlabends. Je mehr Minuten seit Wahlergebnis-Bekanntgabe vergangen sind, desto größer werden jedenfalls die Worte.

Seite 1:

„Schulz-Zug“, Fußball-Floskeln und abgebrühte Generalsekretäre

Seite 2:

Spannender Langstreckenlauf

Kommentare zu " TV-Kritik zur Saarland-Wahl: „Schulz-Zug“, Fußball-Floskeln und abgebrühte Generalsekretäre"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Sehr erfreulich ist vor allem der deutliche Anstieg der Wahlbeteiligung.

  • Es ist ja eigentlich egal, denn wie früher in der DDR hat man ja neuerdings auch in der Bundesrepublik große Blockparteien, die trotz völlig unterschiedlicher Ideologie rein zur Machterhaltung zusammenarbeiten und damit jegliche demokratische Opposition ganz klein halten können.

  • Kurios ist, wenn ein 100%-Mann keine 30% zusammenbekommt. Ha, ha, ha...

    Na, wenigstens hat´s die Grünen zerrissen. Immerhin....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%