TV-Porträt
Altkanzler Kohl hält Hof

Helmut Kohl ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte. Als deutscher Kanzler war er nicht unumstritten. Doch selbst Kohls schärfste Kritiker zweifeln nicht mehr an dessen Bedeutung gerade für die deutsche Wiedervereinigung. Das ZDF ließ das Leben des Altkanzlers verfilmen. Es entstand ein Porträt, dessen Vorbereitungen nicht frei von Stolpersteinen war.
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HB HAMBURG. Rund fünf Jahre ist es her, dass zum 80. Geburtstag des Politik-Journalisten Klaus Hoffmann auch Ex- Bundeskanzler Helmut Kohl erschien. An Kohls Tisch nahm auch der Regisseur Thomas Schadt Platz und wurde dem CDU-Politiker bekanntgemacht. Hinter diesem Schachzug steckte Klaus Hoffmanns Sohn Nico, der in seiner Eigenschaft als Filmproduzent immer einmal ein Stück über Kohl drehen wollte. Fünf Jahre später liegt das Porträt vor und wird vom ZDF an diesem Dienstag um 20.15 Uhr gesendet.

Die Geschichte der langwierigen Vorbereitungen ist nicht frei von Stolpersteinen. Kohl brauchte seine Zeit, ehe er sich zu den erforderlichen Gesprächen mit Hofmann junior und Schadt bereiterklärte. Im Jahr 2006 führten die beiden über eine Länge von rund 30 Stunden Gespräche mit dem heute 79-jährigen Ex-Kanzler. Eine Vermischung von gespielten Sequenzen und Interviewszenen war den Filmemachern dann aber nicht möglich. Denn Kohl wollte nicht die Vermengung beider Stilelemente.

„Ich habe das Hereinschneiden der Interviewszenen nicht erlaubt, um zu dokumentieren, dass Realität und Spielfilmwelt nicht miteinander verquickt werden dürfen“, sagte Kohl vor kurzem dem Nachrichtenmagazin „Focus“. Hofmann und Schadt kam diese Intervention trotzdem nicht ungelegen. „Uns war klar, dass es nicht um eine Nachahmung, sondern um eine Interpretation gehen muss“, sagt Schadt. „Dies ist die einzig seriöse Form, sich solchen Persönlichkeiten zu nähern.“

Auch Hauptdarsteller Thomas Thieme, 1948 in Weimar geboren, ist froh darüber, dass er kein identisches Abbild Kohls werden sollte. „Wir wollten kein Kopie“, sagt Thieme. „Wir wollten das Innere zeigen, ohne minuziös zu studieren, wie es sich ins Äußere überträgt.“ Thieme spielt den älteren Kohl auf dem Höhepunkt seiner Macht, spricht die Sequenzen, die Monologe aus dem Off selbst, zitiert dabei nicht aus den Kohl-Interviews, sondern äußert Gedanken, die von Kohl so oder so ähnlich geäußert worden sein könnten. Ohne pfälzischen Dialekt und - wenn er wieder ins Bild rückt - ohne das typische Augenklimpern.

Kohls älterer Sohn Walter äußerte sich kritisch zu dem ZDF-Film. Das Leben seiner Eltern sei verzerrt dargestellt, sagte er dem Magazin „Focus“. Er sei empört darüber, wie die Rolle seiner 2001 gestorbenen Mutter gezeigt werde. „Das ist lächerlich und respektlos.“ Sie sei stets „eine wichtige, zentrale Ratgeberin“ seines Vaters gewesen, der Film werte sie jedoch „zur Randfigur herab“. Seine Mutter habe nicht wie im Film dargestellt betroffen und enttäuscht reagiert, als ihr Mann über die Wiedervereinigung hinaus Kanzler bleiben wollte, erklärte der 46-Jährige. Sie habe seinen Vater vielmehr „massiv darin bestärkt, den Weg zur Wiedervereinigung konsequent zu gehen“. Auch sein Vater habe eine würdigere Rolle verdient. Er sei „nie der entrückte Technokrat der Macht“ gewesen, als den ihn die Zuschauer jetzt zu sehen bekämen. Mit seiner Kritik spreche er auch für seinen jüngeren Bruder Peter.

Das filmische Porträt greift zwei Lebensphasen Kohls heraus, zum einen den Abschnitt als Jungpolitiker von 1947 bis zum Jahr 1969, als er CDU-Landesvorsitzender und später nach Peter Altmeyers Sturz (an dem Kohl beteiligt war) Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz wurde, zum anderen die Zeit der deutsch-deutschen Wende im Herbst 1989. Der jüngere Kohl wird verkörpert von Schauspieler Stephan Grossmann. Wie nahe Kohl seiner langjährigen Sekretärin stand, wird im Film ebenso wenig erläutert wie die Hintergründe rund um die Parteispendenaffäre.

Aber recht deutlich wird in der Inszenierung, wie wenig Respekt der junge aufstrebende Kohl vor Autoritäten und Barrieren hatte. Er riss den Schlagbaum an der französischen Grenze um, er gewinnt rigoros und geradlinig Freunde für sich, er stürzt irgendwann den Ministerpräsidenten. Aber er ist auch ein schlechter Redner und blamiert sich daher häufiger. Ende der 80er Jahre kämpft Kohl verbissen um seine Macht. „Soll ich Herrn Geißler und seinen Spießgesellen das Feld überlassen?“, raunzt Kohl besessen davon, den Widersacher aus dem Weg zu räumen.

In weiteren Rollen wirken unter anderem Claus Theo Gärtner als CDU-Generalsekretär Heiner Geißler mit, Jürgen Heinrich als Kanzler- Berater Horst Teltschik und Ernst Stankovski als Konrad Adenauer. Die Interviewszenen sollen dem Zuschauer nicht vorenthalten werden. Produzent Hofmann hätte sie gerne im Anschluss an den Film gezeigt, doch das ZDF wird sie voraussichtlich erst rund um Kohls 80. Geburtstag im April 2010 ausstrahlen.

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