TV-Talk Maybrit Illner
„Sie sind so nett heute Abend!“

Maybrit Illners Sendung über die Energiewende geriet zu einer Wohlfühl-Talkshow wider Willen. Trotz „Ökoschickeria“- und „Dekadenz“-Vorwürfen mochten nicht einmal Philipp Rösler und Jürgen Trittin richtig streiten.
  • 21

DüsseldorfNach dem „Heute-Journal“ gestern, in dem der vom ZDF-Starmoderator Claus Kleber interviewte ZDF-Chefredakteur Peter Frey geradezu strahlte vor Genugtuung, Anlass zum Rücktritt des CSU-Sprechers Hans Michael Strepp geworden zu sein, folgte gleich noch eine kuriose ZDF-Sendung. Maybrit Illner talkte zum Thema „Planlos, teuer, ungerecht - wird die Energiewende zum Desaster?“.

Die Einleitung gelang durchaus alarmierend: 800.000 deutschen Haushalten sei 2012 schon wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt worden. Bei steigenden Strompreisen drohe das also deutlich mehr Bürgern. Was sich daran anschloss, war jedoch eine Talkshow, in der zwischen lauter ruhig argumentierenden Befürwortern der titelgebenden Energiewende am Ende genau eine Person auf Kohlen zu sitzen schien: die Moderatorin selbst.

Dazu gastierten zwei hochrangige und eigentlich dankbare Streithähne im Studio: Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). In der Eingangsrunde bemerkte Trittin sehr richtig, dass Heizöl und Benzin sich noch wesentlich stärker verteuert hätten als Strom, und dass Deutschland „massiven Preistreibereien ausgesetzt“ sein würde, wenn es die Abhängigkeit von solchen Importen nicht reduzieren könne. Rösler sagte ebenfalls sehr richtig, dass Strom sowohl für die Menschen wie auch für die Unternehmen zu teuer sei. Und schon hatte das Publikum bemerkt, dass Trittin und Rösler, so unterschiedlich ihre Positionen auch sein mögen, keineswegs immer automatisch in Gegensatz zueinander geraten.

Ebenfalls rasch zeigte sich, dass die übrigen Gäste erst recht nicht zu Streit neigten: Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Hans Heinrich Driftmann, vertrat nicht nur einmal die Position, dass man mit der Energiewende „grundsätzlich auf dem richtigen Weg“ sei, diese aber auch „harte Arbeit“ bedeute. Der vor allem für die ARD tätige Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar unterstützte diese Sicht, indem er nicht nur einmal meinte, wegen des Energiewende-Plans schaue die Welt auf Deutschland; selbst in den amerikanischen Wahlkampf-TV-Duellen sei er Thema gewesen. Eine Verbraucherschützerin, neben Illner die einzige Frau in der Runde, sagte so gut wie gar nichts.

Nachdem Trittin weniger, weil er darauf direkt angesprochen worden war, sondern eher proaktiv begann, das von der rot-grünen Bundesregierung ersonnene, von späteren Regierungen veränderte Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) zu erklären und den amtierenden Bundesminister Rösler wegen der aktuellen Ausnahmeregeln attackierte, verließ Illner zunächst die Runde ihrer Gäste. Darüber dürfte sie sich hinterher selbst geärgert haben. Denn ihr Einzelinterview mit einer sichtlich ergriffenen Arbeitslosen, deren Familie Wochen lang der Strom abgestellt worden war, war durchaus berührend - zum Beispiel als sie berichtete, dass ihre Kinder für einen Anspruch auf warmes Duschen zu alt seien. Bloß gelang es Illner hinterher nicht mehr, zwischen ihren Gästen Streit zu entfachen.

FDP-Mann Rösler landete den Polemik-Treffer des Abends, indem er das geschilderte Schicksal mit dem Satz kommentierte: „Die Mieterinnen und Mieter müssen die Photovoltaikanlage der Ökoschickeria bezahlen.“ Trittin konterte eher schwachbrüstig, indem er Guido Westerwelles „spätrömische Dekadenz“-Zitat aus einem Jahre alten Kontext holte, brachte aber auch eine pragmatische Idee auf: spezielle Tarife für Menschen, die wenig Strom verbrauchen, als Anreiz. Yogeshwar hatte eine noch pragmatischere: eine Abwrackprämie für Kühlschränke. Dann würde auch sie sich ein energiesparenderes Gerät leisten können, zwinkerte er der Betroffenen im Publikum zu.

Kommentare zu " TV-Talk Maybrit Illner: „Sie sind so nett heute Abend!“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Danke fuer das Zitat

  • Das was eine sehr gute Sendung(wenn auch unzureichend tiefgründig)
    Die FDP ist doch traditionell gegen die Energiewende, sagt es mittlerweile aber nicht mehr Laut, weil die Mehrheit der Deutschen die Wende befürwortet, (zum Glück)!

    Yogeshwar Lobbyismus oder parteitaktisches Kalkül zu unterstellen ist doch Nonsens ... für wen oder was den bitte?
    Wer sich mit den Fakten der Energiewende inklusive Ihrer
    wirtschaftlichen Auswirkungen (Unabhängigkeit, langfristig gesehen günstigere Strom) kann nur zu der Meinung von Yogeshwar kommen!

    Deshalb hat keiner geschrien das die Energiewende Unsinn
    ist und nicht weil es öffentlich rechtlich (Staats-
    fehrnsehn) ist. Verschwörungstheoretiker?
    Michael Ritzmann



    ("... . Britische Psychologenhaben herausgefunden, dass sie,(Verschwörungstheoretiker), in aller Regel nicht kritisch oder skeptisch sind, sondern ein "monologisches Glaubenssystem" ausbilden, das allgemein davon ausgeht, dass die Mächtigen oder gesellschaftlichen Eliten die Allgemeinheit hintergehen. Und diese Grundannahme würde dazu führen, dass sie auch inkompatible Ansichten vertreten, deren einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie vom herrschenden Diskurs abweichen. Das würde auch heißen, Verschwörungstheoretiker aller Art sind hochgradig irrational. ...")
    Aus:"Social Psychological & Personality Science" United Kingdom 2012

  • Der Sendung wird hier im Bericht große Einigkeit bescheinigt. Ja, alle waren sich im Grunde einig, dass die Energiewende sein muss. Nur die Wege dahin unterscheiden sich eben...

    Die Anderen, die schreien könnten, dass 'der Kaiser keine Kleider an hat' und die Energiewende teurer Unsinn ist, die werden nicht eingeladen.

    So sieht gleichgeschaltetes Staatsfernsehen aus :-(

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%