Die verkehrspolitische Zukunft des Transrapid ist nach dem schweren Unglück vom Freitag völlig ungewiss. Auf Messers Schneide steht vor allem der Bau der geplanten Münchner Flughafenstrecke. Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der das Projekt bereits wegen der hohen Kosten ablehnt, macht jetzt auch massive Sicherheitsbedenken geltend. Für die am Transrapid-Konsortium beteiligten Unternehmen wäre ein Aus der Magnetschwebebahn verkraftbar. Derweil begann die Polizei in Lathen mit den Zeugenvernehmungen.
HB MÜNCHEN. Ude sagte in Interviews der „Frankfurter Rundschau“ und der Tageszeitung „Die Welt“, er sehe das Sicherheitsproblem des in München geplanten Transrapid längst nicht gelöst. Besonders die Streckenführung in einem drei Kilometer langen Tunnel werfe viele Fragen auf und sei eine absolute Extremsituation: „Wir haben hier nach den Rettungsmöglichkeiten, nach dem Bergungskonzept gefragt, aber keine befriedigenden Antworten bekommen.“
Der Münchner OB schlug als Alternative eine Express-S-Bahn zwischen Hauptbahnhof und Flughafen vor. Diese koste unter 500 Mill. Euro, während die Schwebebahn auf 1,85 Mrd. veranschlagt werde. Zudem verbessere die Express-S-Bahn die Verkehrssituation der Region in weit höherem Maße. Deswegen dürfe das Geld nicht für den Transrapid verplempert werden, sagte Ude.
Darüber hinaus führte der SPD-Politiker psychologische Gründe für einen Verzicht auf den Transrapid an. Durch das Unglück im Emsland sei der Widerstand in München jetzt noch heftiger geworden: „Man fühlt sich nach dem Unglück emotional bedroht“, sagte Ude. Der Unfall stelle zwar nicht die Technologie des Transrapids in Frage, doch habe die Katastrophe auch nicht durch technische Sicherheitsvorkehrungen verhindert werden können. „Der Nimbus vom großen Prestigegewinn ist zerstreut, der Glaube an die Unverletzlichkeit des Transrapid ist angeschlagen.“
Dagegen hatte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zuletzt am Montag seinen Willen bekräftigt, an der geplanten Münchner Transrapid-Strecke festzuhalten: „Es ist nicht richtig, wenn wegen des Unglücks auf der Teststrecke im Emsland das gesamte Transrapid-Projekt in Frage gestellt wird.“
Die Ermittler vernahmen am Dienstag in Lathen erstmals Zeugen des Unfalls. Nach den Worten des Sprechers der Staatsanwaltschaft Osnabrück, Alexander Retemeyer, erhofft man sich zudem Hinweise von der Auswertung des Funkverkehrs. Wann damit begonnen werden könne, sei aber unklar. Zunächst müsse ein Gerät zur Datensicherung beschafft werden. Der Funk sei nicht digital, sondern auf einem Cassettenband gespeichert, begründete Retemeyer die Verzögerungen.
Der Verkehrsexperte der Grünen im Bundestag, Winfried Hermann, äußerte indessen die Vermutung, dass auch technische Fehler zu dem Unglück mit 23 Toten und zehn Verletzten geführt haben. Zwar könne man Endgültiges noch nicht sagen, doch verdichteten sich die Hinweise, dass „zumindest nicht nur menschliches Versagen, sondern auch technisches Mangelwerk“ eine Rolle gespielt haben könnte, sagte Hermann dem NDR.
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Für die Betreiberfirmen Thyssen-Krupp und Siemens wäre eine Trennung vom Prestigeobjekt Transrapid nach Einschätzung von Experten finanziell leicht zu verschmerzen. „Das Geschäft ist ein Verlustbringer. Es spielt weder bei Thyssen-Krupp noch bei Siemens eine große Rolle“, sagte Heino Ruland vom Brokerhaus Steubing. „Die Entwicklungskosten sind längst alle abgeschrieben.“ Schon vor dem Unfall gab es Überlegungen, die Technik nach China zu verkaufen, wo bislang die einzige kommerzielle Transrapid-Strecke errichtet wurde.
Betriebswirtschaftlich wäre der Transrapid nur interessant gewesen, wenn sich die Technik in größeren Stückzahlen verkauft hätte, sagt Analyst Manfred Bucher von der BayernLB. Er verweist darauf, dass zwischendurch ein Verkauf in die USA geplant gewesen sei, der aber scheiterte. In Deutschland wurden ein ums andere Mal Streckenpläne zu den Akten gelegt, die Hoffnungen ruhen nun auf dem Bau einer Trasse in Bayern.
„Für die Chinesen könnte der Unfall im Emsland einen Vorwand liefern zu sagen, wir steigen aus und bauen das mit unserer eigenen Technologie“, sagte ein Analyst, der namentlich nicht genannt werden wollte. BayernLB-Analyst Bucher sieht auch ein Problem für das Image des Standorts Deutschland. „Es könnte ein weiteres Beispiel dafür sein, dass eine Technik in Deutschland erfunden, aber nur im Ausland kommerziell umgesetzt wird.“
Die Firmen stehen auf jeden Fall unter Druck. Wenn tatsächlich menschliches Versagen schuld an dem Unfall im Emsland mit 23 Toten sei, wäre die Technik des Transrapid nicht in Frage gestellt, sagte Ingo Queiser von Kepler Equities. Das Image sei aber beschädigt. „Das wird von den Kunden natürlich ausgeschlachtet“, sagte er.
Die Diskussion um den Transrapid ist so alt wie die Technik selbst, aber durch das Unglück mit 23 Toten haben Zweifel an dem Projekt neue Nahrung erhalten. Erst wenige Tage vor der Katastrophe im Emsland hatte Thyssen-Krupp mit dem Verkauf der Technologie nach China gedroht, sollte es binnen 18 Monaten keine endgültige Entscheidung über den Bau der Strecke in München geben. „Wir haben zu entscheiden, ob wir in Deutschland die Bücher für diese Technologie zumachen“, hatte Konzernvorstand Olaf Berlien betont.
Berlien zufolge erzielt Thyssen-Krupp mit dem Zug einen Umsatz 110 Mill. Euro im Jahr. Sollte die Strecke in München gebaut werden, wären es 400 Mill. Euro, hieß es. Zum Vergleich: Thyssen-Krupp peilt im laufenden Geschäftsjahr insgesamt einen Konzernumsatz von 46 Mrd. Euro an. Auch für Siemens hätte Experten zufolge ein Aus des Projekts wegen der Bedeutung anderer Geschäftsfelder keine großen finanziellen Konsequenzen. „Das ist bei Siemens nicht mal ein Prozent des Umsatzes, selbst wenn man künftige Projekte einbezieht“, erklärt Analyst Queiser.
Der Markt würde auf die Nachricht eines Verkaufs des Geschäfts durch Thyssen-Krupp voraussichtlich positiv reagieren, sagte ein Analyst, der ebenfalls anonym bleiben wollte. „Der Aktienkurs würde wohl steigen.“ Dann wäre nur noch die Frage, mit welchem Wert der Transrapid bei dem Düsseldorfer Konzern in den Büchern stehe und ob ein Buchverlust entstünde.


