Überfall auf Deutsch-Äthiopier
Haftbefehl gegen Verdächtige von Potsdam

Nach dem rassistischen Mordversuch an einem Deutsch-Äthiopier in Potsdam hat der Haftrichter am Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen die zwei Verdächtigen erlassen. In Potsdam haben mehr als 4 000 Menschen gegen Fremdenhass protestiert.

HB KARLSRUHE/POTSDAM. Dies teilte die Bundesanwaltschaft am Freitagabend mit. Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes habe die Haftbefehle wegen des Verdachts des versuchten Mordes erlassen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen seien die 29 und 30 Jahre alten Männer „dringend verdächtig“, in den frühen Morgenstunden des Ostersonntags ihr Opfer brutal zusammengeschlagen zu haben, hieß es in einer Mitteilung der Bundesanwaltschaft. „Die Beschuldigten haben die Tat bestritten.“

Der dringende Tatverdacht beruhe auf der Aufzeichnung eines Gesprächsteils zu Beginn des Überfalls auf einer Telefon-Mailbox und der vorausgegangenen, von der Ehefrau des Opfers mitgehörten Äußerung „Sollen wir Dich wegpusten?“ eines der beiden Täter. Nach derzeitigem Erkenntnisstand sei aufgrund der Tatumstände, insbesondere des Gesprächsmitschnitts davon auszugehen, dass die Beschuldigten die Tat aus fremdenfeindlichen Motiven begangen haben. „Das Opfer schwebt weiterhin in Lebensgefahr und konnte bislang nicht vernommen werden.“

Die beiden Verdächtigen waren am Donnerstagabend festgenommen worden. Sie wurden am Freitag nach Karlsruhe gebracht und dort den ganzen Nachmittag über verhört.

Auf einer Großkundgebung verlangten am Freitag Tausende Menschen die schnelle Aufklärung des Verbrechens. Sie gingen gegen Fremdenhass und Gewalt auf die Straße. Zu der Aktion hatte ein Bündnis aus Stadt, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Initiativen aufgerufen. Oberbürgermeister Jann Jakobs sagte: „Wir stehen hier für Toleranz, Solidarität und Menschlichkeit.“

Auf Plakaten und Bannern forderten die Teilnehmer im Stadtzentrum entschiedenes Vorgehen gegen Rassismus. Jakobs versicherte den Angehörigen des Opfers die ganze Solidarität der Stadt. „Dieser brutale Angriff war ein Angriff auf das Lebensgefühl aller Potsdamer“, sagte der OB. „Wir wollen, dass jeder Potsdamer überall in der Stadt sicher ist vor Hass und Gewalt.“ Jakobs bedankte sich bei dem Taxifahrer, der den Angriff gesehen hatte und sofort eingeschritten war. An der Kundgebung nahm auch der äthiopische Botschafter in Deutschland, Kassahun Ayele, teil.

Die Familie des Opfers ließ ein Schreiben verlesen, in dem sie erklärte: „Das schreckliche Verbrechen an Ermyas ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit.“ Die Angehörigen bedankten sich für die Anteilnahme und den Zuspruch, den sie erfahren hätten. Der Doktorvater des Deutsch-Äthiopiers forderte die Menschen auf, bei Angriffen und Pöbeleien einzugreifen, wo auch immer sie geschähen.

Zudem gab es weitere Aktionen gegen Fremdenhass in der Stadt. An der Haltestelle, an der am frühen Ostersonntag der 37-Jährige niedergeschlagen worden war, legten auch am Freitag Menschen Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Einen Aufruf von Prominenten für Toleranz und ein friedliches Miteinander unter dem Motto „Wir sind Brandenburg“ hatten bis zum späten Freitagnachmittag etwa 2 500 Menschen unterzeichnet, darunter Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und Sportler des Fußballvereins Energie Cottbus.

Die Pächter von 14 Supermärkten in der Region Potsdam spendeten am Freitag ein Prozent ihrer Wocheneinnahmen für die Familie des Opfers. Auch der Verein „Brandenburg gegen Rechts“ hat zur Unterstützung der Angehörigen für die Kosten von Krankenhausaufenthalt und Rechtsbeistand aufgerufen. Am Abend wollten Bands der Stadt ein Benefizkonzert zu Gunsten der Familie geben. Die Frauen-Fußballmannschaft Turbine Potsdam stellte ihr Bundesligaspiel am Samstag unter das Motto „Gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“ und will ebenfalls einen Teil der Einnahmen spenden. Bereits am Mittwochabend hatten etwa 500 Potsdamer in einer Andacht für die Genesung von Ermyas M. gebetet.

Der 37-Jährige dunkelhäutige Potsamer war am Ostersonntag zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt worden. Sein Zustand ist dem Ernst-von-Bergmann-Klinikum zufolge wegen des erlittenen Schädel-Hirn-Traumas noch immer lebensbedrohend.

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