Übergriffe bei Leipzig
Schüsse auf Flüchtlingsheim

Unbekannte haben am Wochenende mehrmals ein Flüchtlingsheim bei Leipzig beschossen. Ermittelt wird nun wegen Sachbeschädigung. Rund 150 Asylsuchende sind in dem Hotel in Böhlen untergebracht, verletzt wurde niemand.
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BöhlenDas Flüchtlingsheim gleich hinter dem Ortseingang der Kleinstadt Böhlen südlich von Leipzig steht am Mittwoch friedlich in der Sonne. Kleine Gruppen von Asylsuchenden sitzen neben dem Eingang des ehemaligen Hotels, reden, rauchen. Mehrere zerborstene Scheiben in der orange-braunen Glasfassade zeigen allerdings, dass es hier am vergangenen Wochenende nicht so friedlich zuging. Zweimal hintereinander, in der Nacht zum Samstag und zum Sonntag, hat ein Unbekannter nach Polizeiangaben auf das Flüchtlingsheim geschossen. Verletzt wurde niemand, aber etliche Scheiben gingen zu Bruch.

Die sächsische Polizeizentrale für Extremismusbekämpfung - das sogenannte Operative Abwehrzentrum (OAZ) in Leipzig - hat die Ermittlungen übernommen. Die Spezialisten ermitteln auch wegen anderer Übergriffe auf Asylheime in Sachsen in der jüngsten Vergangenheit. Zu der Attacke in Böhlen will die Polizei nicht viel sagen. Womit der Täter schoss? Keine Angaben aus ermittlungstaktischen Gründen. Ermittelt werde wegen Sachbeschädigung, sagt ein Polizeisprecher.

Am Flüchtlingsheim steht der 24-jährige Ahmed aus Syrien. Er habe von den Schüssen jeweils kurz nach Mitternacht selbst nichts mitbekommen. „Mein Freund kam und hat es mir erzählt. Ich habe ihm nicht geglaubt und ihm gesagt, er müsse träumen“, sagt Ahmed auf Englisch. Die Schüsse seien nun natürlich Thema unter den rund 150 Flüchtlingen im Heim: „Wir wollen nur wissen, warum.“

Eigentlich, sagt Ahmed, fühle er sich sicher in Deutschland. Er kommt aus Damaskus, sei wegen des „verdammten Kriegs“ aus Syrien geflohen. Im Heim selbst fühle er sich gut aufgehoben. Nach den Schüssen habe die Betreuerin die aufgeregten Bewohner beruhigt. Sie sollten sich keine Sorgen machen, sie werde die Polizei rufen. Auch in Böhlen sei es eigentlich in Ordnung, sagt Ahmed. Sein Mitbewohner Mohammed erzählt allerdings, er sei im Ort auch schon schief angesehen worden. Ahmed, der ein Ökonomie-Studium abgeschlossen hat, hofft auf eine Zukunft in Deutschland.

Der Besitzer des früheren Hotels, Wolfgang Seifert, ist am Mittwoch auch da und spricht vor dem Gebäude mit Polizisten. An Seifert scheiden sich die Geister. Der Mann ist ein Ex-Funktionär der rechten Partei Die Republikaner. Dass Sachsen ausgerechnet in seiner Immobilie Asylsuchende unterbrachte, stieß auf heftige Kritik unter anderem des Flüchtlingsrats. Seifert will sich erst nicht äußern, verurteilt dann aber doch die Schüsse auf das Heim, bei denen er einen politischen Hintergrund vermutet. „Ich kritisiere das scharf, in dieser Weise eine Meinung zu artikulieren. Das muss man bei den nächsten Wahlen machen.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Übergriffe bei Leipzig: Schüsse auf Flüchtlingsheim"

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  • "Zig Milliarden für die Wirtschaft, aber nicht für Flüchtlinge: Entwicklungsminister Gerd Müller ist verärgert über die EU. Zum Weltflüchtlingstag beklagt er aber auch, dass zu viele kommen, die keinen Asylanspruch haben." Aber entschuldigen Sie mal, verwechselt da nicht jemand Ursache und Wirkung?

  • Es ist traurig und furchtbar zugleich, mit welch Folgen die ignorante Politik in Bund und Ländern rechnen muß - nur weil sie nicht in der Lage ist, den eigenen Gesetzen Folge zu leisten.
    Statt dessen werden widerstandslos Sozialflüchtlinge im Lande verteilt.
    Das kann nur übel enden.

  • Und die tun NICHTS: Kinder und Jugendliche, die als Flüchtlinge alleine nach Deutschland kommen, sollen künftig im gesamten Bundesgebiet verteilt werden. Das sieht ein Gesetzentwurf des Familienministeriums vor, den das Bundeskabinett heute beschlossen hat. Bislang gab es diese Umverteilung nur für erwachsene Asylbewerber. Für Minderjährige war sie verboten. In Städten wie Hamburg, Berlin und München waren aber zuletzt so viele ausländische Kinder und Jugendliche aufgetaucht, dass an eine vernünftige Versorgung nicht mehr zu denken war.

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