Übernahmekampf bedroht Forschung
„Berlin ohne Schering? Katastrophe!“

Seit bekannt ist, dass Konkurrent Merck den Pharmakonzern Schering aufkaufen will, ist die Berliner Forschungsszene in Aufruhr. „Drama“, „Katastrophe“, „Jammer“ tönt es aus Kliniken, Forschungsinstituten und Biotechunternehmen. „Der Verlust von Schering wäre ein Drama“, sagt der Leiter des Neuro-Zentrums an der Berliner Charité, Karl Max Einhäupl.

BERLIN. Nicht nur wegen der klinischen Studien, die der Pharmakonzern beim größten Uniklinikum Europas regelmäßig in Auftrag gibt. „Unsere Wissenschaftler arbeiten quasi wie in einem Büro zusammen – schließlich residiert Schering in Fußnähe. Wenn Schering wegginge, wäre das nicht mehr möglich.“

„Deutschland hat ein Riesen-Defizit beim Transfer von klinischem Know-how in marktfähige Produkte“, warnt der frühere Vorsitzender des Wissenschaftsrates. In Berlin dagegen „funktioniert das sehr gut – weil Schering hier ist“. Die Sorgen spiegeln nicht nur Einzelinteressen wider – Schering ist der Dreh- und Angelpunkt für die „Gesundheitsstadt Berlin“, auf die der Senat die Zukunft bauen will.

Der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Günter Stock, schlägt den Bogen: „Berlin versucht gerade mit den Lebenswissenschaften eine zweite industrielle Stadtgründung. Dazu brauchen wir die gesamte Kette von der frühen Forschung über die klinische Entwicklung, die Biotech-Szene bis zum Global Player Schering. Diese darf auf keinen Fall geschädigt werden.“ Das wäre schon bei einem Umzug der Unternehmensspitze der Fall, warnt Stock: „Dann werden die Wege länger, das Interesse am Standort sinkt.“ Stock muss es wissen: Er war bis Ende 2005 Scherings Forschungsvorstand und zugleich eine Art Hans-Dampf der Forschungsgassen von Berlin.

Rund die Hälfte der weltweit 4 000 Schering-Forscher tüfteln in Berlin. Nicht zufällig, erklärt Forschungs-Vorstand Rainer Metternich: „Das Berliner Forschungs- und Entwicklungsnetzwerk bietet uns optimale interdisziplinäre Forschungsvoraussetzungen und Kooperationen.“

DIW-Ökonom Dieter Vesper fürchtet einen „riesengroßen Verlust“ für die Forschungslandschaft, die „nirgendwo sonst in der Republik so dicht gedrängt“ und damit „eine der Säulen ist, auf denen Berlin überhaupt steht“. Zudem „hängen viele der heute rund 450 kleinen Bio- und Medizintechnikunternehmen natürlich auch von Schering ab“.

Ins Mark getroffen wäre die Charité. „Schering ist unser größter Partner bei Forschungskooperationen. Beteiligt sind ein gutes Dutzend Lehrstühle: Chemiker, Biologen, Mediziner, Pathologen, Radiologen“, berichtet Charite-Chef Detlev Ganten. Diverse Sonderforschungsbereiche bauen auf Schering. Hier ist räumliche Nähe sogar Muss, denn bei der Förderung durch den Geldgeber Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG gilt das „Ortsprinzip“.

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