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23.07.2008 
Weniger Einwohner in Deutschland

Um 1 300 000 verzählt

von Dorit Hess

In Deutschland leben weniger Menschen als bisher angenommen. Die Bevölkerungszahl sei „vermutlich um 1,3 Millionen zu hoch“, meldeten die Bundesstatistiker am Dienstag. Positiver Nebeneffekt: Mit der korrigierten Einwohnerzahl hat die Leistungsfähigkeit der hiesigen Volkswirtschaft zugenommen.

FRANKFURT. Nein, Deutschland ist nicht nur Exportweltmeister. Die Bundesrepublik ist traditionell auch ganz weit vorn auf der Liste der Unzufriedenen. Nun aber kann das griesgrämige Land aufatmen. Die Leistungsfähigkeit der hiesigen Volkswirtschaft ist höher als bislang angenommen – wenn auch nur ein klein wenig.

Ausschlaggebend dafür ist schlicht und ergreifend ein Messfehler. Die Bevölkerungszahl sei „vermutlich um 1,3 Millionen zu hoch“, meldeten die Bundesstatistiker am Dienstag und reagierten damit auf Berichte, die in der vergangenen Woche von einer Überzeichnung von sage und schreibe vier Millionen Personen ausgegangen waren.

Eines steht damit fest: Die Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft waren 2006 falsch bedruckt. Als die Mannschaft nach der Weltmeisterschaft ihren Fans zuwinkte, trugen sie Trikots mit der Nummer 82. Dabei leben hierzulande nicht wie bislang angenommen 82,2 Millionen Menschen – sondern nur 80,9 Millionen. Und damit verteilt sich der Wohlstand des Landes auch auf weniger Köpfe.

Daraus zu schlussfolgern, jeder Einzelne von uns hätte mehr Geld in der Tasche, wäre zwar falsch. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist schließlich eine statistische Größe, um die Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften miteinander vergleichen zu können. Die aber scheint nun höher zu sein als gedacht: und zwar um 1,6 Prozent. In der BIP-pro-Kopf-Rangliste des IWF führt – so hoch war der Fehler nicht – trotzdem Katar vor Luxemburg und Norwegen. Die hiesige Volkswirtschaft dürfte ihren Rang beibehalten, hat Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) berechnet: Platz 21.

1 300 000 – um so viele Menschen haben sich die Statistiker verrechnet. Was viel klingt, ist durch die Brille von Ökonomen betrachtet verschwindend gering. 1987 hatten die Bundesstatistiker letztmals die Bevölkerung in den alten Bundesländern gezählt, 1981 zuletzt in der damaligen DDR. In der Zwischenzeit haben sie fleißig Neugeborene und Zugezogene addiert und Verstorbene und Weggezogene subtrahiert. Heraus kam die amtliche Einwohnerzahl – die sich mit der tatsächlichen nicht deckt. „Das klingt nach einer großen Abweichung“, gibt ZEW-Ökonom Bonin zu. Trotzdem nimmt er die Statistiker in Schutz: Über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren sei das „nicht dramatisch“.

Gefunden haben die Statistiker den Fehler, als sie ein neues Messverfahren testeten. Wie groß der Fehler ist, wollten sie am Dienstag aber nur schätzen. „Genaue amtliche Bevölkerungszahlen werden wieder nach dem Zensus 2011 vorliegen“, kündigten sie an. Mit Statistikern, die landauf, landab an Haustüren klingeln werden, ist trotz der neuen Zählung nicht zu rechnen. Auf eine traditionelle Befragung aller Einwohnerinnen und Einwohner werde verzichtet, hieß es am Dienstag aus Wiesbaden. Wie viele Menschen in einem Land leben, wie sie wohnen und arbeiten, soll in einem neuen EU-weiten Verfahren herausgefunden werden.

Letztlich könnten sich die Pessimisten im Land aber doch wieder bestätigt fühlen. Denn auch wenn weniger Menschen in Deutschland leben als bislang gedacht, wird sich eine für das Wohl eines Landes entscheidende Größe dadurch nicht ändern: die Zahl der Arbeitslosen. Eine mögliche Korrektur der Bevölkerungszahl habe „keinerlei Einfluss auf die Höhe der Arbeitslosenquote“, ließ die Bundesagentur für Arbeit (BA) das Handelsblatt am Dienstag wissen.

Die Nürnberger Behörde schaut in andere Statistiken als das Wiesbadener Amt. Die einzelnen Bestandteile der „zivilen Erwerbspersonen“ würden völlig unabhängig von der Bevölkerungsrechnung erhoben, erklärte die BA. Die Zahl der Arbeitslosen messen die Nürnberger selbst, die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erfasst ein sogenanntes „Meldeverfahren zur Sozialversicherung“, geringfügig Beschäftigte wiederum ein anderes Verfahren, Beamte stehen in Personalstandsstatistiken. Und so weiter.

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