Umfassender Überblick über neuere Literatur zu Mindestlöhnen
86 Studien zum Mindestlohn – und kein eindeutiges Ergebnis

Vernichten Mindestlöhne Arbeitsplätze? Oder haben sie womöglich sogar positive Effekte auf die Beschäftigung? Über diese Frage streiten sich namhafte Arbeitsmarktforscher seit Jahren. Eine brandneue Studie fasst die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre zusammen.

Im Sachverständigenrat steht es vier zu eins: Vier der „fünf Weisen“ lehnen einen gesetzlichen Mindestlohn ab, Peter Bofinger ist dafür. Er empfiehlt, „gleichsam als ,Leitplanke’ einen niedrig angesetzten Mindestlohn in Höhe von zum Beispiel 4,50 Euro einzuführen.“ Bofinger argumentiert: „Fast alle empirischen Studien kommen zu dem Ergebnis, dass von Mindestlöhnen keine nachteiligen Effekte auf die Beschäftigung ausgehen.“

Auch seine vier Ratskollegen räumen im neuen Jahresgutachten ein, „dass in den Vereinigten Staaten für Mindestlöhne keine gesicherten negativen Beschäftigungseffekte mehr festzustellen sind“. Allerdings ließe sich das nicht auf Deutschland übertragen– in den USA sei der Arbeitsmarkt flexibler und die Abgabenbelastung auf Arbeitseinkommen geringer. Relevanter sei der Vergleich mit Frankreich, wo es ähnliche Arbeitsmarkt-Institutionen wie hier zu Lande gebe – und negative Job-Effekte von Mindestlöhnen.

Tatsächlich ist die neuere ökonomische Forschung zu den ökonomischen Folgen von Mindestlöhnen alles andere als eindeutig. Ein just in der vergangenen Woche erschienener Aufsatz liefert den bisher umfassendsten Überblick über diese Literatur. .

Die Arbeitsmarktforscher David Neumark und William Wascher kommen darin zu dem Fazit:„Über die Gesamtwirkungen, die eine Anhebung von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung im Niedriglohnsektor hat, besteht heute eindeutig kein Konsens mehr.“ Je nach Land, Untersuchungsmethodik und Betrachtungszeitraum stellen Studien eindeutig negative, neutrale oder positive Arbeitsmarkteffekte fest..

Bis in die frühen neunziger Jahre war das anders –der Konsens über die negativen Beschäftigungswirkungen von Mindestlöhnen war so einhellig, dass Ökonomen das Thema gar nicht mehr betrachteten. Ab 1992 brachten junge US-Volkswirte dann aber frischen Wind in die Debatte. Mit neuen Methoden zeigten sie:Negative Arbeitsmarkt-Effekte von Mindestlöhnen lassen sich längst nicht immer nachweisen, mitunter kann es sogar positive Job-Effekte geben. Es entbrannte eine heftige wissenschaftliche Debatte mit neoklassischen Ökonomen..

Neumark und Wascher, die Autoren des neuen Literatur-Überblicks, kämpfen bei den Traditionalisten an vorderster Front. In den vergangenen Jahren haben sie an acht Studien mitgearbeitet, die staatlichen Eingriffen in die Lohnstruktur negative Beschäftigungseffekte attestieren. „Wir glauben, dass höhere Mindestlöhne zu ökonomischen Verzerrungen führen und oft unerwünschte negative Folgen für die Beschäftigungschancen von niedrig qualifizierten Arbeitern haben“, schreiben sie. .

Diese Position sehen Neumark und Wascher unter dem Strich auch von der restlichen Literatur bestätigt. „Alles in allem sind wir der Ansicht, dass die Mehrheit der empirischen Ergebnisse im Allgemeinen die Auffassung traditioneller Ökonomen bestätigt.“ Von 86 neueren Studien lieferten zweiDrittel „relativ konsistente – aber nicht immer statistisch signifikante –Anzeichen für negative Beschäftigungseffekte“. Weniger als zehn Studien zeigten das Gegenteil. .

Gerade diese Arbeiten litten aber häufig unter methodischen Problemen. „Längere Panel-Analysen, die mit Blick auf den Zeithorizont und auf verschiedene Bundesstaaten Variationen bei den Mindestlöhnen betrachten, kommen tendenziell zu negativen und statistisch signifikanten Arbeitsmarkteffekten.“.

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