Umfrage
Mehrheit gegen größeres deutsches Engagement

Deutschland ist stark und soll sich deshalb mehr bei Krisen einbringen, so zuletzt der Tenor etlicher Spitzenpolitiker. Die meisten Bundesbürger sind dagegen, auch wenn sie etwa Völkermord gern verhindert sehen wollen.
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BerlinDie Deutschen sehen ein stärkeres Engagement der Bundesrepublik im Ausland mit gemischten Gefühlen. Nach einer am Dienstag veröffentlichten Erhebung der Körber-Stiftung plädieren nur 37 Prozent der Befragten dafür, dass sich Deutschland künftig noch stärker außenpolitisch einsetzen sollte. Große Skepsis gibt es bei der Frage nach Militäreinsätzen. Aber die Deutschen zeigen sich überraschend interventionsbereit, wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten in der Welt, um die Vermeidung eines Völkermords und um den Schutz eines Partnerlandes geht.

Die Körber-Stiftung hatte die Untersuchung vor allem wegen der politischen Debatte um eine aktivere deutsche Außenpolitik in Auftrag gegeben. Das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest hatte dazu Ende April bis Anfang Mai rund 1000 Bundesbürger befragt - also auf dem bisherigen Höhepunkt der Spannungen mit Russland. Auffallend ist dabei der Vergleich mit den Zahlen von 1994. Vor zwanzig Jahren hatten sich nämlich noch 60 Prozent für eine aktivere Rolle ausgesprochen - allerdings war Deutschland damals noch nicht an militärischen Auslandseinsätzen beteiligt. Heute, nach den Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan, antworten nur noch ein Drittel, dass sie sich von Deutschland eine aktivere Rolle wünschen.

Widersprüchlich sind die Antworten zu Militäreinsätzen: Allgemein werden sie nur von 13 Prozent für das richtige Mittel der Außenpolitik gehalten - weit hinter humanitärer Hilfe und diplomatischen Bemühungen. Die Antworten fallen aber ganz anders aus, wenn konkret nach Einsatzgründen gefragt wird: 87 Prozent bezeichnen einen Einsatz deutscher Truppen im Ausland sehr wohl für gerechtfertigt, wenn es eine direkte Bedrohung von Frieden und Sicherheit in Europa geben sollte. 82 Prozent halten einen Auslandseinsatz für richtig, um in anderen Ländern einen Völkermord zu verhindern. Und die Deutschen zeigen sich auch solidarisch: 70 Prozent sind dafür, dass die Bundeswehr im Ausland eingesetzt werden sollte, wenn ein Verbündeter direkt bedroht wird.

Bei den gewünschten Prioritären der Außenpolitik steht der weltweite Schutz der Menschenrechte ganz vorne: 66 Prozent halten ihn für sehr wichtig, 27 Prozent für wichtig. Dieser Wert ist gegenüber 1994 sehr stark gestiegen. Die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands sieht dagegen nur ein Viertel der Befragten als Grund, sich außenpolitisch stärker zu engagieren. Dieser Wert ist seit 1994 sehr stark gesunken.

Auffallend sind die Antworten, wen sich die Deutschen künftig als stärkeren Partner wünschen. Dabei hat eine klar europäische Orientierung offenbar die transatlantischen Bindungen abgelöst. 79 Prozent wünschen deshalb, dass Deutschland noch enger mit Frankreich zusammenarbeitet. Dann folgen Polen und Großbritannien. Überraschend sprechen sich aber mehr Befragte dafür aus, dass Deutschland mit China künftig enger zusammenarbeiten sollte als mit den USA. Mit 53 Prozent recht hoch ist auch die Zahl derer, die für eine engere Kooperation mit Russland plädieren - trotz der Ukraine-Krise.

Die Umfrage steht damit in Kontrast zu Aufforderungen des Bundespräsidenten, führender Mitglieder der Bundesregierung und auch mehrerer EU-Partner, dass sich Deutschland als größte EU-Volkswirtschaft auch außenpolitisch stärker engagieren sollte. Dies hatte etwa Bundespräsident Joachim Gauck auf der Münchner Sicherheitskonferenz gefordert.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Darum wurde ja auch von den Politikern das "Primat der Politik" postuliert.

    Vor 200 Jahren hatten wir noch den Adel.
    Jetzt haben wir unsere Primaten - äh, Eliten.

  • @ Mazi

    Schröder und Putin machen das einzig Richtige! Sie deeskalieren! Denken schon an eine Zeit nach dem US-Putsch in Kiew.

    Anders Merkel, Gauck und VDLeyen. Sie machen Aggressionspropaganda im Sinne der USA! Das Verhältniss Rußland/EU möglichst dauerhaft zerstören, um die EU in eine Abhängigkeit der USA zu bringen.
    Oder was glauebn sie, wozu die US-Spionage in der EU nötig ist???

  • Einmischung erforderlich? Nein, überall haben wir vorsätzlich versagt, wo wir uns einmischten. Neuestes Beispiel: 15 Jahre "Jugoslawien besetzt" und sich geweigert, die Minen zu beseitigen! Wann steht endlich ein Soldat vor Gericht wegen aktiver Verweigerung der Aufgabenerfüllung???

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