Umfrage: Unternehmer finanzieren mehr Weiterbildung bei Verzicht auf Urlaub
DIHK warnt vor Eingriff bei der Weiterbildung

Der DIHK macht gegen drohende Eingriffe des Staates in den bislang relativ ungeregelten Markt der Weiterbildung mobil. Sollte sich der Gesetzgeber hier einmischen, würde viele Unternehmen sich künftig darauf beschränken, die Mindestauflagen zu erfüllen, und „jegliches weitere Engagement einstellen“, warnte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, bei der Vorstellung einer Umfrage unter 900 Unternehmen zum Thema Weiterbildung in Nürnberg.

BERLIN. „Politisch motivierte Eingriffe in die Personalhoheit“ dürfe es nicht geben, mahnte Wansleben die möglichen Koalitionspartnern der nächsten Regierung. Zwei Drittel der vom DIHK befragten Unternehmen sprachen sich gegen gesetzliche Auflagen bei der beruflichen Weiterbildung von Mitarbeitern aus. Laut der Studie würde sich in diesem Fall die Hälfte der befragten Unternehmen nicht mehr freiwillig in der Weiterbildung engagieren. Ein knappes Drittel würden dann auch keine Jugendlichen mehr ausbilden.

Hintergrund sind Überlegungen in allen Parteien, den bislang teilweise wild wuchernden Markt der Weiterbildung zu reglementieren und zugleich die Förderung auszubauen. Zuletzt haben zahlreiche Ökonomen – von der OECD bis zur Deka-Bank – auf die wachsende Bedeutung der Weiterbildung für das Wachstum hingewiesen. Die vom Bundestag initiierte Kommission Lebenslanges Lernen hatte im Sommer sowohl die staatliche Förderung empfohlen als auch die Regelung durch ein Rahmengesetz.

Konkret wendet sich der DIHK etwa gegen verpflichtende Standards für die Weiterbildung. Diese bergen die Gefahr einer „bürokratischen Kontrolle“, warnte Wansleben. Neuerdings prüft die Stiftung Warentest im Auftrag des Bundesbildungsministeriums stichprobenartig Weiterbildungsangebote. Geht es nach der SPD, soll dies ausgebaut und mittelfristig in der Etablierung von Standards münden. Auch die Union hatte zuletzt ähnliche Pläne verfolgt. Im Zuge von Hartz I und II wurden die Träger 2004 gesetzlich verpflichtet, sich zertifizieren zu lassen. Viele Weiterbildungsträger sind im Besitz von Wirtschaftsverbänden oder Gewerkschaften.

Die SPD-Bundestagsfraktion strebt daneben eine gesetzliche Regelung von Lernzeitkonten in Betrieben an, heißt es in einem internen Papier, das dem Handelsblatt vorliegt. Dabei geht es beispielsweise um angesammelte Überstunden, die für eine Weiterbildung genutzt werden sollen. Einig ist sich die SPD mit der Unionsfraktion darin, dass existierende freiwillige Lernzeitkkonten künftig im Insolvenzfall geschützt werden sollen.

Vage Einigkeit herrscht auch darüber, künftig eine Art des Bildungssparens zu fördern – etwa als weitere Möglichkeit im Bereich der vermögenswirksamen Leistungen. Doch auch eine solche Unterstützung sieht der DIHK kritisch. „Statt mit Steuermitteln das Bildungssparen zu fördern, sollte der Bund lieber seinen Haushalt sanieren“, sagt DIHK-Weiterbildungsexperte Knut Diekmann dem Handelsblatt.

In der Umfrage des DIHK hatten neun von zehn Unternehmen angegeben, auch künftig in die Weiterbildung ihrer Angestellten investieren zu wollen. Knapp 60 Prozent der befragten Unternehmer wären sogar bereit, die Anzahl der Weiterbildungen noch aufzustocken, wenn Mitarbeiter dafür auf Urlaub oder Freizeit verzichteten. Eine Ausweitung der Fortbildung setze für jeden zweiten der 900 Befragten auch voraus, dass sich die Kosten in angemessener Zeit für das Unternehmen rechnen, sagte der DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben.

„Deutsche Unternehmen erwarten von ihren Mitarbeitern mehr als nur Fachwissen“, sagte Wansleben. „Leistungswille und Innovationsstärke der Mitarbeiter haben für deutsche Unternehmen den höchsten Stellenwert.“ Hier bestehe aber Nachholbedarf. Nur ein Drittel der Erwerbsbevölkerung bilde sich weiter, weniger als ein Fünftel sei mit der eigenen Arbeit zufrieden. „Ein erheblicher Teil der Arbeitnehmer geht in die innere Emigration“, beklagt der DIHK den fehlenden Einsatz von Mitarbeitern. Dadurch entstehe erheblicher wirtschaftlicher Schaden.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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