Umfrage
Vorsprung von Schwarz-Gelb sinkt

Zwar ist die Kanzlerin aus der Sommerpause zurückgekehrt, doch sechseinhalb Wochen vor der Bundestagswahl schwächelt die Union. SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier kann nach vielen Nackenschlägen erstmals punkten. Das zeigt eine exklusive Handelsblatt-Umfrage.

BERLIN. Pünktlich zur heutigen Rückkehr der Kanzlerin aus der Sommerpause gerät die politische Landschaft in Deutschland in Bewegung. Sechseinhalb Wochen vor der Bundestagswahl am 27. September sieht eine Handelsblatt-Umfrage ein schwarz-gelbes Bündnis zwar immer noch in Führung. Aber der Vorsprung schmilzt. Union und FDP kommen zusammen nur noch auf 48 Prozent – von 51 Prozent bei der letzten Befragung.

Und erstmals zeichnen sich zwei Trends ab, die auch der Union und der FDP Sorgen bereiten müssen. Zum einen sacken CDU/CSU nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Info mit 1 500 Befragten überraschend stark um fünf Prozentpunkte gegenüber der Befragung vor einem Monat ab. Zum anderen glaubt die Mehrheit der Bundesbürger nicht an die Zusicherung der FDP, sie werde nach der Wahl auf keinen Fall eine Koalition mit SPD und Grünen (Ampel) eingehen.

Genau diese Frage hat nach Ansicht der Parteistrategen aber entscheidende Bedeutung für das tatsächliche Verhalten der Wähler. Deshalb pochen CSU und CDU seit Tagen darauf, die FDP müsse sich auf eine schwarz-gelbe Koalition festlegen. Und daher betonte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier am Dienstag im Gegenzug erneut, er setze weiter auf eine Ampelkoalition unter seiner Führung. Der Hintergedanke ist klar: Nur wenn die Wähler ernsthaft an diese Option glauben, kann sich die SPD Hoffnungen machen, aus dem Umfragetief herauszukommen. Denn nur mit einer "Ampel" hätte Steinmeier nach jetzigem Stand überhaupt noch Chancen, Kanzler zu werden.

Genau deshalb wiederholt aber auch FDP-Chef Guido Westerwelle seine Festlegung auf ein Bündnis mit der Union. Allerdings glauben ihm das nur 30,9 Prozent der Befragten. Die große Mehrheit (56,9 Prozent) erwartet dagegen, dass die FDP nach der Wahl notfalls auch ein Ampel-Bündnis mit den Sozialdemokraten eingehen würde, um an die Macht zu kommen. Das Misstrauen gegenüber Koalitionsaussagen trifft die SPD allerdings noch stärker: 70 Prozent glauben nicht daran, dass die Sozialdemokraten nach der Wahl eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausschlagen würden.

Zumindest der FDP scheinen die Zweifel an den eigenen Aussagen nicht zu schaden. 15 Prozent antworteten jetzt bei der sogenannten "Sonntagsfrage", dass sie die Liberalen wählen würden. Das Problem für das schwarz-gelbe Lager ist nur, dass dieser Zugewinn voll zulasten der Union geht - auch wenn immer mehr Befragte an eine schwarz-gelbe Koalition nach dem 27. September glauben.

"Schuld an dem Einbruch der Union ist der nicht existente Wahlkampf", sagt Geschäftsführer Holger Liljeberg. Ernsthafte Sorgen muss sich die Union aus seiner Sicht machen, weil die Mobilisierung ihrer Wähler deutlich nachgelassen hat. Während insgesamt die Zahl derer steigt, die angeben, auf jeden Fall an der Bundestagswahl teilnehmen zu wollen (69 Prozent), sinkt sie bei den Unionsanhängern. Auch hier sieht Liljeberg den Grund in der Union-Wahlkampfstrategie, die eigentliche Auseinandersetzung mit der SPD erst in den letzten zwei Wochen vor dem 27. September zu suchen.

Ein nach wie vor zentrales Problem für die SPD ist aber, dass sie weiter nicht von der Schwäche ihres politischen Gegners profitieren kann. Sie dümpelt in der "Sonntagsfrage" bei 24 Prozent Wählerstimmen herum. Als Hoffnungsschimmer könnte die SPD höchstens verbuchen, dass die persönlichen Zustimmungswerte für ihren Kanzlerkandidaten Steinmeier in den vergangenen Wochen erstmals gestiegen sind - überproportional bei jüngeren Wählern und Besserverdienenden, also nicht den klassischen SPD-Wählergruppen. Aber noch immer scheint er nicht einmal für alle SPD-Anhänger der richtige Kanzlerkandidat zu sein. Nur 69 Prozent von ihnen antworteten mit "Ja" auf diese Frage. Bei allen Befragten im Osten liegt Steinmeier hier nur gleichauf mit Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck.

Ein Kuriosum bietet die Umfrage für diejenigen, die die "Sozialdemokratisierung" der Kanzlerin in der Großen Koalition kritisieren: Eine erstaunliche Anzahl der Befragten sieht Angela Merkel als richtige Kanzlerkandidatin - für die SPD. Dabei waren allerdings auch Mehrfachnennungen möglich.

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