Umstrittene Doktorarbeit

Uni Bayreuth macht Druck auf Guttenberg

Guttenberg will verhindern, dass seine Alma Mater den Untersuchungsberichts zu seiner wahrscheinlich abgekupferten Doktorarbeit veröffentlicht, doch nun setzt auch die Uni dem entdoktorten Exminister eine Galgenfrist.
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Verteidigungsminister Guttenberg in Indien
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Je länger die Debatte um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg dauert, desto mehr wird zum Phänomen, auf wie vielen verschiedenen Ebenen über ihn debattiert wird. Angesichts der offenbar starken politischen Überlebenskünste wirkt es fast, als habe Guttenberg wie die sprichwörtliche Katze „sieben Leben“ - der Tod im einen bedeutet noch nicht das Ende im anderen.

Text: Reuters

Experten: Plagiats-Affaere koennte dem Minister sogar nuetzlich sein
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1. Wissenschaft

Ein erstes hartes Urteil der Universität Bayreuth und der Wissenschafts-Gemeinschaft ist bereits gefällt - der Doktortitel wurde aberkannt. Geprüft wird noch der Täuschungsvorwurf, den etwa der Bayreuther Professor Oliver Lepsius als gegeben ansieht. Unabhängig davon ist die Kritik einzelner Wissenschaftler oder von Akademiker-Gruppen sehr hart: Guttenbergs Glaubwürdigkeit ist weg.

Bundestag - Guttenberg
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2. Medien

Die deutsche Medienlandschaft ist gespalten. Viele Hauptstadtkorrespondenten sind wegen der Informationspolitik des Ministers verärgert. Während viele Zeitung ein differenziertes Bild mit „Pro“ und „Contra“ zu einem Rücktritt anboten, hat sich die „Bild“-Zeitung als auflagenstärkstes Blatt klar hinter den Minister gestellt. Dagegen halten vor allem die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Spiegel“-Produkte. Urteil: mehrheitlich kritisch, aber nicht alle für Rücktritt.

Benefizgala "Ein Herz für Kinder" - Party
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3. Medien-Umfragen

Vor allem die „Bild“-Zeitung geriet in der vergangenen Woche selbst in Schlagzeilen, weil sie eine Ted-Umfrage veranstaltete und über das Ergebnis mit mehr als 87 Prozent für Guttenberg groß berichtete - während sie eine Umfrage von Bild-Online mit der Mehrheit für einen Rücktritt schnell wieder von der Homepage nahm. So gerne die Deutschen offensichtlich über Guttenberg diskutieren: Die Telefon- und Internetabstimmungen der Medien sind wegen des hohen Zufallsfaktors der Teilnehmer kaum aussagekräftig.

CSU-Vorstandssitzung - Guttenberg
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4. Meinungsumfragen

Auch Meinungsforschungsinstitute haben in den vergangenen Tagen sowohl die Frage nach der Beliebtheit als auch nach der politischen Zukunft gestellt. Das Ergebnis: Zwar sinken Guttenbergs hohe Sympathiewerte, aber einen Rücktritt lehnen aber mehr als zwei Drittel der Befragten ab.

Guttenberg verzichtet auf Führung des Doktortitels
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5. Bundeswehr

Guttenberg gilt als beliebt, unter anderem weil er die Truppe und ihre Befindlichkeiten aus seiner eigenen Dienstzeit kennt. Kein Wunder, dass ihm der Bundeswehrverband demonstrativ den Rücken stärkt. „Seine Glaubwürdigkeit ist angekratzt, das ist keine Frage“, sagte Verbandschef Ulrich Kirsch am Montag in der ARD. „Ich meine, wenn es bei diesen Vorwürfen, die wir kennen, bleibt, dann ist er tragbar.“ Es komme darauf an, dass Guttenberg sein Ministerium straff führe und die Bundeswehrreform umsetze.

CSU-Vorstandssitzung - Guttenberg
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6. Partei und Fraktion

Die CSU hat sich völlig hinter Guttenberg gestellt. Der Hoffnungsträger gilt als einziger CSU-Politiker mit Kanzlerqualität und wird auch als potenzieller Parteichef und Ministerpräsident gehandelt. Auch die CDU-Führung hat ihn klar verteidigt - in seiner politischen Arbeit und mit Blick auf die Landtagswahlkämpfe. Es gilt als Indikator für Guttenbergs politische Überlebensfähigkeit, dass die CDU-Wahlkämpfer in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ihn als Zugpferd lieber noch häufiger einsetzen als bisher geplant.

BayreuthIn der Plagiatsaffäre um Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat die Universität Bayreuth dem CSU-Politiker eine Erklärungsfrist eingeräumt. Guttenberg könne sich bis zum 26. April zu den Ergebnissen der Untersuchungskommission äußern, die sich mit dem wissenschaftlichen Fehlverhalten in seiner Doktorarbeit befasst hat, sagte Hochschulsprecher Frank Schmälzle am Dienstag.  

Zugleich habe die Universität Guttenbergs Anwälte aufgefordert, ihre Vorbehalte gegen die Veröffentlichung der Ergebnisse der Kommission zur Selbstkontrolle der Wissenschaft zu überdenken. Die Wissenschaft insgesamt, die Öffentlichkeit und die Hochschule selbst hätten ein starkes Interesse daran, dass die Konsequenzen für die Einhaltung wissenschaftlicher Standards publiziert würden. Guttenbergs Anwälte wollen die Veröffentlichung des Berichts verhindern. Sie berufen sich dabei auf die Persönlichkeitsrechte des Ex-Ministers.  

Alles nur geklaut?
Guttenberg soll bei Doktorarbeit abgeschrieben haben
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Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wehrte sich vergeblich gegen Vorwürfe, er habe bei seiner Doktorarbeit bewusst getäuscht. Der akademische Titel wurde ihm aberkannt, Minister ist er auch nicht mehr. Nun will er mit seiner Familie für einige Jahre ins Ausland gehen. Auch andere Prominente sahen sich bereits mit dem Vorwurf des Diebstahls geistigen Eigentums konfrontiert.

BRITAIN'S PRIME MINISTER BLAIR AND US SECRETARY OF STATE POWELL IN DOWNING STREET
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Mit fremden Federn schmückte sich 2003 auch die seinerzeit amtierende britische Regierung um Tony Blair (vorne im Bild). Ein angebliches Geheimpapier des britischen Nachrichtendienstes sollte die Behauptungen der USA untermauern, der Irak besäße Massenvernichtungswaffen. Tatsächlich war das 19-seitige Dokument, aus dem der damalige US-Außenminister Colin Powell (links im Bild) vor dem UN-Sicherheitsrat zitierte, aus drei Artikeln zusammengeschustert, von denen einer von einem US-Studenten stammte. Alle Artikel waren darüber hinaus einige Monate oder sogar Jahre alt.

Tang Jun, New Huadu Industrial Group's CEO and China's highest paid employee...
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Wenn es um die Karriere geht, schrecken auch Wirtschaftsbosse nicht vor Fälschungen zurück: So auch der den Ex-China-Boss von Microsoft, Tang Jun. Der Manager soll sich laut Fang Zhouzi, einem bekannten chinesischen Blogger und selbsternannten Wissenschaftspolizist, unrechtmäßig einen Doktortitel zugelegt haben.

Michel Houellebecq gewinnt Prix GoncourtMichel Houellebecq
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Besonders häufig kommen Plagiatsvorwürfe unter Künstlern und Schriftstellern vor: So wurde der französische Skandal-Autor Michel Houellebecq 2010 vom französischen Online-Magazin "Slate.fr" beschuldigt, aus dem Internet abgeschrieben zu haben. Passagen und Zitate aus seinem neuen Roman "La carte et le territoire" sollen unter anderem von Wikipedia abgekupfert worden sein, ohne dass der Autor die Quellen nannte. Houellebecq bezeichnete die Vorwürfe als "lächerlich".



Jahresrückblick 2010 - Jungautorin Helena HegemannHelene Hegemann
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Auch in Deutschland gab es 2010 Plagiatsvorwürfe. "Axolotl Roadkill", der Debütroman von Jungautorin Helene Hegemann, sorgte 2010 für Furore. Vor allem deshalb, weil der Schriftstellerin nachgewiesen wurde, Ideen für Teile ihres Buches unter anderem von einem Berliner Blogger geklaut zu haben. Es dauerte bis zur vierten Auflage, bis dem Roman ein detailliertes Quellenverzeichnis angehängt wurde.

Prozess um "Sakrileg" - Brown weist Vorwürfe zurück
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Auch Bestseller-Autor Dan Brown wurde Ideenklau vorgeworfen: Nach der Veröffentlichung seines Verschwörungsromans "Sakrileg" ("The Da Vinci Code") verklagten die beiden Historiker Michael Baigent und Richard Leigh den Schriftsteller wegen der Verletzung von Urheberrechten. So waren laut den Geschichtswissenschaftlern zentrale Thesen aus ihrem Sachbuch "Der heilige Gral und seine Erben" in Browns Roman zu finden. Doch die Schadensersatzklage in Millionenhöhe scheiterte. Brown hatte die Nutzung der Quelle nie bestritten.

Die Harry-Potter-Saga - Joanne K. Rowling
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2002 sah sich "Harry Potter"-Autorin J.K. Rowling Plagiatsvorwürfen gegenüber: Die US-Kinderbuchautorin Nancy Stouffler verklagte die Britin, bei ihrer Geschichten-Serie "Larry Potter" abgekupfert zu haben. Das Gericht konnte allerdings nur minimale Ähnlichkeiten zwischen den Bestseller-Romanen Rowlings und den Büchern von Stoufler feststellen und sprach die Harry-Potter-Autorin vom Vorwurf des Plagiarismus und Betrugs frei.

Die Schweizer Journalistin Klara Obermüller hat unterdessen Guttenbergs Verhalten scharf kritisiert. In seiner mit Plagiaten gespickten Doktorarbeit habe Guttenberg unter anderem auch einen halben Leitartikel von ihr aus der „Neuen Züricher Zeitung“ über 86 Zeilen lang abgeschrieben, ohne die Quelle ein einziges Mal zu nennen. „Er hat ein sehr eigenartiges Krisenmanagement und macht einfach alles falsch“, sagte Obermüller der „Frankfurter Rundschau“. Sein Versuch, die Veröffentlichung zu verhindern, rieche stark nach Sonderrecht.

  • dpa
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