Umstrittene Rede
Grass' Auftritt stößt auch in der SPD auf Kritik

Ein Auftritt von Günter Grass bei der SPD sorgt für heftige Diskussionen. CDU und FDP bezeichneten die Worte des Autors über die DDR-Vergangenheit der Kanzlerin als beschämend. Auch aus den Reihen der SPD kam Kritik.
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BerlinEin Auftritt des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass auf einer SPD-Veranstaltung ist auch von Sozialdemokraten kritisch bewertet worden: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) kritisierte in der „Bild“-Zeitung vom Freitag Äußerungen des 85-Jährigen zur DDR-Biographie von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Äußerungen von Grass über Merkel seien „ein politisches Urteil und keine Beleidigung“, sagte dagegen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) dem Südwestrundfunk.

„Bei allem Respekt vor Grass als Schriftsteller: Solche Schmähungen des Lebens in der DDR sind unerträglich. Erst recht 23 Jahre nach der Deutschen Einheit“, sagte Sellering. Grass hatte Berichten zufolge am Mittwochabend bei einer Diskussion mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gesagt, Merkel habe eine „doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung“ erfahren: als FDJ-Funktionärin in der DDR und dann unter Kanzler Helmut Kohl (CDU). In der FDJ-Zeit habe sie „Anpassung und Opportunität“ gelernt, bei Kohl natürlich „den Umgang mit Macht“.

Union und FDP kritisierten den Auftritt scharf: „Herr Grass sollte lieber seine eigene Vergangenheit in den Blick nehmen als die der Bundeskanzlerin“, sagte CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt der „Bild“-Zeitung vom Freitag mit Blick auf dessen Geständnis, er habe als junger Mann in der Waffen-SS gedient.

Kritik gab es auch an Grass' Äußerungen zur Bundeswehr, die er den Berichten zufolge als „Söldnerarmee“ bezeichnete, in deren Auslandseinsätzen Soldaten für Geld „verbraten“ würden. Er finde die Äußerungen „sehr befremdlich, um nicht zu sagen: beschämend“, sagte FDP-Chef Philipp Rösler der „Welt“ vom Freitag. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe kritisierte Grass' „beschämendes Maß an Geschichtsvergessenheit“. „Langsam fragt man sich: Ist in Grass' Pfeife wirklich nur Tabak?“

Merkel wollte sich zu der Angelegenheit nicht äußern. „Wenn Herr Grass – ein hoch angesehener Literat – auf einer SPD-Veranstaltung etwas sagt, muss die Bundeskanzlerin nicht auch noch was dazu sagen“, sagte ein Regierungssprecher in Berlin.

„Das sind Äußerungen in seiner Verantwortung“, sagte Thierse am Freitag im Deutschlandfunk zu den Äußerungen von Grass. Der Bundestagsvizepräsident hatte die Runde mit dem Autor moderiert. Er wies darauf hin, Steinbrück habe in der Diskussion „in verschiedenen Punkten“ Grass widersprochen.

Mit Blick auf die Kritik an Merkels Vergangenheit als FDJ-Sekretärin sagte Thierse, „man kann niemandem vorwerfen, dass er in einer Diktatur ein unauffälliges, angepasstes Leben geführt hat“. Er selbst habe in Interviews lediglich „leise Kritik daran geübt, dass Frau Merkel gelegentlich den Eindruck erweckt hat, als habe sie eine Widerstandsbiografie hinter sich“.

Im SWR erinnerte Thierse auch daran, er selbst sei vor Jahren von dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) „mit Hermann Göring, dem Nazi“ verglichen worden. Dafür habe sich Kohl bis heute nicht bei ihm entschuldigt und die CDU habe sich auch nicht davon distanziert. Daher solle sie auch jetzt derartige Forderungen „schlicht lassen“.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • Voll Grass, aber wichtig genug, um darüber nachzudenken, käme da nicht noch mehr zum Vorschein, wenn es wirklich DIE Presse gäbe. Und was die Person GG angeht, so ein Schriftsteller hat verschiedene Facetten, auch eine gelebte in ZEITen des II. Weltkrieges und natürlich danach. Wenn dies amtlich sein sollte, @günther schemutat, dann wissen wir wo die Chaussée hinführt. Chaos allerorten?

  • Grass hatte Berichten zufolge am Mittwochabend bei einer Diskussion mit SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gesagt, Merkel habe eine „doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung“ erfahren: als FDJ-Funktionärin in der DDR und dann unter Kanzler Helmut Kohl (CDU). In der FDJ-Zeit habe sie „Anpassung und Opportunität“ gelernt,(Zitat)

    Als FDJ Funktionärin in der Linnestr 5 , - im physikalischen Insttut der Uni Leipzig also. Was also trieben jene ausgewählten FDJ Funktionäre dort? Sie waren Gehilfen der SED ohne selbst Parteimitglied zu sein. Studenten waren damals in so genannte Seminargruppen eingeteilt. In einer solchen Gruppe war zumindest einer in der SED und aus dem Nicht-SED Mitgliederteil also jemand "nur" FDJler. Diese Typen hatten also u.a. das politische Verhalten von Studenten festzuhalten und weiterzuleiten. Die Daten wurden dann Bestandteil einer so genannten " Kaderakte", letztere für die erste Anstellung dann an die künftige Arbeitsstelle gesandt wurde.

    Der von einem SED-Typen vorgeschlagene - sehr "negative" politische Vorschlag - konnte so ein FDJler tatsächlich dann noch "mindern"- wie ich von dem Betreffenden erfuhr. Allerdings machte ich trotzdem dann Gebrauch von dem verfassungsmässigen Recht - den Wohnort in Deutschland beliebig wählen zu können. Die Berliner Mauer war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht gebaut - also wählte ich Bayern. Was die Kritik von Grass über Fr. Merkel betrifft ,ist doch wirklich nicht schlimm- seine feie Meinung eben- was sonst?

  • Mit dem ehemaligen Günther Gra-SS Soldaten hat die SPD sich vermutlich einen gedrillten Kommunisten und Sozie HaSSer in das Haus geholt. Solche Leute bleiben ihr Leben lang das,
    was man ihnen gelehrt hat. Auch das die BW eine Söldnerarmee ist zeigt von ihm deutlich, dass seine Soldatenzeit vom Volk getragen wurde. Die heutige "Söldnerarmee " wird ja getragen von Politikern, die Morgen jeden Einsatz mit Toten als Mord bezeichnen und die Soldaten anzeigen. Man kann seiner Vergangenheit nicht entfliehen, weder durch Bücher noch durch Lügen. Sie SPD wurde so vermutlich unterwandert.Punkt.

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