Umstrittener Vorstand
Bankchef Weber will Sarrazin entmachten

Einen Rücktritt hat Thilo Sarrazin abgelehnt, ohne Folgen bleiben seine umstrittenen Äußerungen über Zuwanderer aber nicht. Bundesbank-Präsident Axel Weber will dem Vorstandsmitglied wesentliche Kompetenzen entziehen. Demnach würde Sarrazin nur noch ein Aufgabenbereich bleiben.
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HB MÜNCHEN. Bundesbank-Präsident Axel Weber will nach Informationen des Magazins "Focus" dem umstrittenen Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin wesentliche Kompetenzen entziehen. Eine Vorlage für die Sitzung des Bundesbank-Vorstandes am Dienstag sehe vor, dass Sarrazin die Zuständigkeit für Bargeld-Umlauf und Risiko-Controlling verliert. Das vertrauliche Schreiben ging den Bundesbank-Vorständen am Dienstag zu, schreibt das Magazin. Sarrazin würde demnach nur noch für den Bereich Informationstechnologie verantwortlich bleiben. Die Bundesbank wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren.

Sarrazin, der bereits als Berliner Finanzsenator mit provokanten Äußerungen polarisiert hatte, sorgte zuletzt mit Aussagen in einem Interview der Zeitschrift "Lettre International" für Empörung. Vor allem zwei Sätze werden kritisiert: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate." Und: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft deshalb, ob ein Anfangsverdacht der Volksverhetzung vorliegt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wirft Sarrazin geistige Nähe zu den Nazis vor. "Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist", sagte der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer. "Er steht in geistiger Reihe mit den Herren." Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, forderte mehrfach den Rücktritt Sarrazins von seinem Posten. Er wollte sich bei Bundesbank-Präsident Weber dafür einsetzen.

Sarrazin selbst lehnt einen vielfach geforderten Rücktritt als Bundesbankvorstand ab. Indirekt hatte ihm das auch Bundesbankpräsident Weber nahe gelegt. Er werde am Montag wie üblich in seinem Büro in Frankfurt/Main arbeiten, wo ein Stapel von Akten auf ihn warte, sagte Sarrazin am Freitag nach einem Auftritt bei einem Kongress in Berlin. Medienberichten zufolge hatte Weber offenbar vergeblich versucht, Sarrazin von der Veröffentlichung seiner umstrittenen Interviewäußerungen abzubringen

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