Umstrittenes Gedicht
Grass-Debatte mischt SPD auf

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Kritik an Israel wegen Einreiseverbot für Grass

Die „maßlosen Reaktionen darauf“ seien allerdings ebenso fragwürdig. „Denn Meinungsfreiheit in der Demokratie bedeutet auch, Falsches sagen zu dürfen, wovor übrigens kaum jemand gefeit ist, ob Schriftsteller, Politiker oder Journalist“, sagte Stegner.

„Man soll mit ihm in der Sache streiten, seine Urteile kritisieren, aber ihn nicht als Person diskreditieren“, sagte auch Bundestagspräsident Thierse. Grass' vorzeitigen Ausschluss aus dem SPD-Wahlkampf halte er „nicht für sonderlich sinnvoll“. Zudem sei völlig offen, ob der Schriftsteller überhaupt erneut Wahlkampf für die SPD machen wolle. „Er hat nie alle Positionen der SPD vertreten, sondern war ihr in kritischer Solidarität verbunden.“ Thierse fügte hinzu: „Wenn man Günter Grass wegen dieser einseitigen kritischen Position zum Antisemiten macht, dann ist das fatal.“

Auch zu einem Verzicht der SPD auf ihn als Wahlkämpfer wollte Grass nicht Stellung nehmen. Er hatte bereits Willy Brandt in den 60er Jahren unterstützt. In Hamburg engagierte er sich zuletzt bei der Bürgerschaftswahl für den SPD-Spitzenkandidaten Olaf Scholz. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Gernot Erler, sagte am Dienstag auf NDR Info, er erwarte nicht, dass Grass noch einmal als Wahlkampfhelfer der SPD auftrete. Das Gedicht zeige, dass Grass den Kontakt zur Realität verloren habe.

Wegen des Einreiseverbotes gerät die israelische Regierung derweil selbst unter Druck. Deutsche Politiker nannten den Schritt überzogen, auch israelische Medien kritisierten ihn. Die Zeitung „Haaretz“ nannte die Maßnahme „hysterisch“. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass.“

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rolf Mützenich, sagte der „Süddeutschen Zeitung“: „Das ist der Auseinandersetzung, die notwendig ist, unangemessen.“ Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Rainer Stinner, kritisierte in derselben Zeitung den Schritt als „Überreaktion der israelischen Regierung“. Beide Politiker erneuerten zugleich jedoch die scharfe Kritik an Grass.

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Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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  • @redaktion handelsblatt
    "Verunglimpfende Beitäge" das kann man aber unter Umständen sehr weit fassen. Wo hört Kritik auf und fängt selbige an? Ziemlich schwierig. Als doch Zensur. Und was heißt bitteschön "müssen"?
    Sie müssen doch nicht. Ich hätte beinah gesagt, nur auf´s Klo. Was ich hiermit ausdrücklich wieder zurücknehmen.

  • @radiputz
    Ja ich weiß, contenance bis zum Umfallen. Ich muß mal drüber nachdenken. LOL

  • "Mein Gott die Leute sind ja auch nicht frei, sondern Abhängige."

    Mein erster Gedanke: "Schon okay, der übt noch"

    "Karma"

    Wir sind ja nicht dafür da, alles sofort richtig zu machen, sondern zu üben, die Sache irgendwann mal richtig machen zu können, oder?

    Wenn der "Zensor" sich eingearbeitet hat und ihm die Arbeit langsam bis zum Halse steht, wird er unsere kleinen Einwürfe und Abschweifungen irgendwann veilleicht gar auch als Lichtblicke empfinden

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