Umstrittenes Interview
Sarrazin und kein Ende

Die Schlacht um das umstrittene Interview von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin mit der Kulturzeitschrift „Lettre International“ ist offenbar noch nicht geschlagen. Am Wochenende sah sich die Bundesbank zu offiziellen Klarstellungen von Medienberichten genötigt.

mak FRANKFURT.Die Darstellung in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 18. Oktober sei falsch, stellte die Notenbank klar. Dort heißt es, Weber habe Sarrazin „entgegen den bisherigen Darstellungen in der Öffentlichkeit erst nach Drucklegung seines „Lettre“-Interviews ausrichten lassen, dass er empört über Sarrazins Äußerungen über Türken und Araber in Berlin sei“. Die Bundesbank sagt, Weber habe Passagen in dem Interview sofort nach Kenntnisnahme als inakzeptabel bezeichnet und seinen Pressechef, Benedikt Fehr, beauftragt, dies an Sarrazin weiterzugeben. Fehr habe dies rechtzeitig vor Drucklegung getan. Das Gespräch habe Sarrazin selbst autorisiert, nicht die Bundesbank. Nach Informationen des Handelsblatts muss Sarrazin selbst die jetzt bekannt gewordenen Details an die Presse gegeben haben.

Beschädigt ist durch die Interview-Affäre aber nicht in erster Linie Sarrazin, schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seiner jüngsten Ausgabe. Beschädigt sei vor allem Bundesbankpräsident Axel Weber. Das Magazin wirft die Frage auf, ob Weber überhaupt das erforderliche Fingerspitzengefühl habe, um in zwei Jahren Nachfolger des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, zu werden. Neben dem Gouverneur der italienischen Zentralbank, Mario Draghi, ist Weber für das Amt im Gespräch. Trichets Amtszeit endet Ende Oktober 2011.

Stein des Anstoßes war ein Interview, in dem sich Sarrazin kritisch über in Berlin lebende Türken geäußert und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hatte. Unter anderem hatte der frühere Berliner Finanzsenator gesagt: „Eine große Zahl von Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel.“

Von diesen Äußerungen Sarrazins hatte sich die Bundesbank distanziert. Sarrazin hatte Einsicht gezeigt und sich praktisch entschuldigt. Er habe sich als Privatmann geäußert und nicht als Bundesbankvorstand.

Bei einer Pressekonferenz während der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Istanbul antwortete Weber dann aber auf die Frage eines Journalisten, ob Sarrazin mit seinem Interview das Ansehen der Bundesbank beschädigt habe, mit „ja“. Sarrazin wurde daraufhin in der Bundesbank teilweise entmachtet, nachdem er seinen Rücktritt abgelehnt hatte. Er musste das Ressort Bargeld abgeben und ist nur noch für das Risiko-Controlling und die Informationstechnologie zuständig.

Interessant ist an den jüngsten Presseberichten, dass es nicht mehr so sehr um Sarrazins mutmaßlich verfehlte Äußerungen geht. Im Mittelpunkt steht vielmehr: Wann hat Bundesbankpräsident Weber was gewusst, und von wem hat er es erfahren?

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