Umwelt- und Sozialthemen werden immer öfter in Geschäftsberichte integriert – nicht nur aus kosmetischen Gründen
Frankreichs Konzerne gehen voran

Mehr als die Hälfte der Konzerne des tonangebenden französischen Aktienindex CAC 40 integrieren Informationen zu Umwelt- und Sozialthemen in ihre jährlichen Geschäftsberichte. Das ergab eine Umfrage der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars in Paris, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

HB BERLIN. „Die Firmen unterstreichen damit überzeugend ihre Aussage, dass nicht-finanzielle Informationen die gleiche Bedeutung haben wie der Jahresbericht und kein Marketing- und PR-Mittel sind“, sagt Autor Nicolas Gasnier-DuParc. Die übrigen Firmen haben einen Nachhaltigkeitsbericht.

In Deutschland integriert bisher nur der Chemiekonzern BASF Ge-schäfts-, Umwelt- und Sozialbericht. Die Ernsthaftigkeit der französischen Börsenunternehmen zeige sich auch darin, dass die Mehrheit ihre Nachhaltigkeitsinformationen und Managementstrukturen durch externe Wirtschaftsprüfer testieren lassen oder dies in Kürze veranlassen werden, meint Gasnier-DuParc. Damit preschen sie nach Ansicht von Experten bei diesem aufkommenden internationalen Trend vor.

In Deutschland lassen erst wenige Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsinformationen testieren. Dazu gehören Versandhändler Otto und der Axel-Springer-Verlag. „Nachhaltigkeitsberichte sollten geprüft werden, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen“, meint Albrecht Ruppel, Referent des deutschen Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), das noch in diesem Jahr einen Prüfungsstandard vorlegen will.

In Frankreichs Konzernen werde das Konzept des ökologisch und sozial verantwortlichen Wirtschaftens zunehmend in ihre Geschäftspraxis eingebunden, stellt die in 62 Ländern tätige Prüfgesellschaft Mazars fest. „Die Konzerne integrieren die Idee der Nachhaltigkeit in ihre Kultur und sind dabei, einen Mana-gementstil zu entwickeln, mit dem sie ihrer langfristigen Verantwortung gerecht werden“, sagt Gasnier-DuParc. „So erreichen sie auch eine bessere Risikoeinschätzung.“

Ein wichtiger Schritt: Die Firmen konzentrieren sich zunehmend auf Belange der Geschäftspartner, Zulieferer, Kunden und Mitarbeiter. Ein Beispiel sei der Lebensmittelhersteller Danone: Dort müssen sämtliche Geschäftsbereiche weltweit denselben internationalen und internen Standards folgen – und dabei auch die Zulieferer einbinden.

Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen haben Nachhaltigkeitsmanager, die in zwei Drittel der Fälle direkt dem Vorstand und der Geschäftsführung zugeordnet sind. Als Antrieb wird meist die eigene Überzeugung und zunehmender Druck des Kapitalmarktes genannt.

Einen entscheidenden Impuls gab das so genannte NRE-Gesetz von 2001, wonach Unternehmen veröffentlichen müssen, wie sie mit den ökologischen und sozialen Konsequenzen ihrer Geschäftsaktivitäten umgehen. Anfänglich bemängelten Nicht-Regierungsorganisationen, dies werde nur zu schönen Worten führen. Das Gesetz habe aber einen Denkprozess bewirkt, der nun in Taten münde, sagt Gasnier-DuParc. Parallel dazu sei die Kommunikation durch Kriterienkataloge, Informationssysteme und Berichte professioneller geworden.

Professor Ulrich Steger vom Schweizer Institute for International Management Development (IMD) in Lausanne relativiert diese Euphorie: Selbst solche europäische Konzerne, die hinsichtlich Nachhal-tigkeit als führend gelten, messen ihr keine echte Priorität zu. „Auf französische trifft das noch mehr zu als auf britische oder Benelux-Unternehmen. Sie machen Nachhaltigkeit noch nicht zu einem alle Aktivitäten umfassenden Geschäftsmodell zur langfristigen Wertsteigerung – sie lassen Chancen liegen.“ Das IMD hat 130 multinationale Konzerne durchleuchtet.

Die große Herausforderung bestehe darin, zu beweisen, dass Nachhaltigkeit zu einem besseren Risikomanagement und zu Wertschöpfung führe, sagt Gasnier-DuParc. „Dann wird sich die Spreu vom Weizen trennen und diejenigen, die Nachhaltigkeitskommunikation als Kosmetik betreiben, werden entlarvt.“ Französische Konzerne seien zunehmend bereit, die Erwartungen der verschiedenen Interessengruppen zu berücksichtigen. Die Hauptrolle spielten allerdings Rentabilität und ein besseres Risikomanagement. Drei Viertel der Firmen scheinen ihr Personal bereits zur Nachhaltigkeit sensibilisiert zu haben. Und ohne diese Schulung der eigenen Leute gehe es nicht.

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