Umweltschützer in Aufruhr
Gabriel und der Sündenfall

Noch ist er das Lieblingskind der Umweltschützer: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Doch der Ton zwischen Gabriel und den Öko-Lobbyisten wird rauer, die Stimmung droht zu kippen. Der Sündenfall hat in den Augen vieler Umweltschützer einen Namen.

BERLIN. Was kann es für einen Pressefotografen Schöneres geben als eine Havarieübung in der Kieler Bucht? Simuliert wird ein Ölunfall. Im Einsatz sind diverse Spezialschiffe, von deren Existenz Landratten nichts ahnen. Zum Beispiel die Gewässerschutzschiffe „Arkona“ und „Scharhörn“, aber auch die Seezeichenmotorschiffe „Bussard“ und „Sturmmöwe“ sowie der Notschlepper „Bülk“. Zur Krönung der maritimen Bilderflut fliegt noch der Marinehubschrauber Sea King MK 41 ein. Feuerwehrleute seilen sich von dem Helikopter aus ab auf die „Scharhörn“. Das sieht spektakulär aus und hat etwas von GSG 9.

Lassen sich diese Bilder noch übertreffen? Keine Frage. Da ist sich Sigmar Gabriel ganz sicher. Er will den Feuerwehrleuten nacheifern. Der Bundesumweltminister ignoriert den Hinweis eines Mitarbeiters, am Seil hängend mache er womöglich keine gute Figur, vielleicht solle er sich den Auftritt besser schenken. Gabriel winkt ab. Bereitwillig lässt er sich das erforderliche Geschirr um den Oberkörper legen. Vom Deck der „Scharhörn“ aus wird er per Seil in den Bauch des Hubschraubers gezogen. Wie ein GSG-9-Beamter wirkt er nicht gerade. Aber der Minister hatte seinen Auftritt. Und darum geht es schließlich, Fotografen und Kameraleute freut so etwas. Ein schwebender Bundesminister – solche Fotos wollen die Redaktionen haben.

Die Szene ist allerdings auch Sinnbild für die derzeitige Situation Gabriels. Er hat ein nettes Bild geliefert. Doch was bleibt? Nicht viel, sagen Kritiker. Gabriel nutzt zwar immer wieder die Gunst der Sekunden, um sich effektvoll in den Vordergrund zu rücken oder eine Diskussion um eine entscheidende Nuance weiterzudrehen. Doch danach kommt wenig: „Seine Öffentlichkeitsarbeit ist perfekt“, sagt ein Umweltschützer, „aber die Inhalte hinken hinterher.“

Der Ton zwischen Gabriels Leuten und der großen Schar der Umweltschützer, die in Berlin Lobbyarbeit betreiben, ist heute weniger von gegenseitigem Verständnis und kollegialer Eintracht geprägt als noch vor einem Jahr. Das Klima- und Energieprogramm, über das das Bundeskabinett heute und morgen bei seiner Klausurtagung in Meseberg berät, ist einer der Auslöser dafür.

In den Tagen vor der Klausur ist die Branche „ihrem“ Minister in die Parade gefahren: Zu kurz gesprungen – so lautet der einhellige Befund der Umweltschutzorganisationen Greenpeace und WWF, des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, des Bundesverbandes Solarwirtschaft oder auch des Energie-Pellet-Verbandes.

Gabriel hatte sich das anders vorgestellt. Die Meseberg-Woche sollte seine Woche werden. Schnell war klar, dass das Klimathema eine gewichtige Rolle spielen würde – der Kanzlerin sei Dank. Und dann noch der gemeinsame Auftritt Ende vergangener Woche mit Angela Merkel vor eisiger Kulisse: Die Kanzlerin und ihr Umweltminister machen sich in Grönland ein Bild vom Klimawandel, von schmelzenden Gletschern und schwindender Eisdecke, beide im roten Anorak, beide mit überwiegend betroffenem Gesichtsausdruck. Das schweißt zusammen.

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