
BERLIN. Die Welt der deutschen Hochschulen muss wesentlich bunter und vielfältiger werden als sie heute ist: "Mehr Differenzierung wagen!" lautet die Überschrift einer Empfehlung des Wissenschaftsrates zur generellen Struktur des Hochschulsystem. Zur Zeit sei die Debatte viel zu sehr auf die Forschungsexzellenz fixiert, sagte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider. Demgegenüber falle die akademische Lehre zu oft durch den Rost. Der Rat, in dessen zwei Kammern die Wissenschaft und die Wissenschaftspolitik vertreten sind, ist das höchste Beratungsgremium auf diesem Feld.
Hintergrund für die anvisierte Öffnung der Hochschulen ist die schiere Zahl der mittlerweile mehr als zwei Millionen Studenten sowie sehr unterschiedliche Ausgangslagen. Schließlich müsse man heute auch die Anliegen der berufstätigen und der Teilzeit-Studenten sowie der Ausländer besser berücksichtigen, sagte Strohschneider. Um all diese Interessen angemessen zu bedienen sei eine "grundsätzliche Offenheit gegenüber neuen Hochschulformen nötig", fordert der Wissenschaftsrat. "In der Übergangsphase darf es auch ruhig ein wenig unübersichtlich sein", so Strohschneider. Alternativen seien auch nötig, damit sich einige Hochschulen mehr auf die Weiterbildung konzentrieren könnten.
Wirtschaft und Politik klagen schon lange, dass Unis und Fachhochschulen dieses Feld weitgehend privaten Anbietern überlassen. Erst in jüngster Zeit werden im Zuge der Bologna-Reform zunehmend Master-Studiengänge für Praktiker angeboten.
Konkret schlägt der Wissenschaftsrat etwa die Etablierung sogenannter "Colleges of liberal arts" nach angelsächsischem Vorbild vor. Dort würde während des Bachelorstudiums eine Mischung aus Naturwissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften angeboten. Die Spezialisierung erfolge dann bei Bedarf im Masterstudium. Dabei sollte jeweils ein Feld im Vordergrund stehen. Es gehe jedoch nicht darum, nun das amerikanische oder britische Modell zu übernehmen, stellte Strohschneider klar, sondern um die Erprobung verschiedener Alternativen.
Daneben regt der Wissenschaftsrat "Professional Schools" innerhalb der Hochschulen an. Diese könnten beispielsweise die Lehrerausbildung, aber auch Jura oder Business & Administration zusammenfassen.Grundsätzlich soll es aber bei der Zweiteilung der Hochschullandschaft in Universitäten und Fachhochschulen bleiben. Auch müsse die überbordende Zahl der inzwischen rund 3700 verschiedenen Studiengänge dringend reduziert werden, mahnte Strohschneider.
Eine kleine Tür macht der Wissenschaftsrat in seiner Empfehlung auf für das Promotionsrecht an Fachhochschulen. Dieses ist bisher den Universitäten vorbehalten. "Es gibt zunehmend Fälle, in denen Fachhochschulen Fächer unterrichten, die es so an Universitäten gar nicht gibt", begründete Strohschneider diese kleine Revolution. Das gelte vor etwa für Logopädie oder Hebammenkunde oder für Fächer wie das Restaurierungeswesen. Um diese Lücken zu schließen, sollten einzelne Fachhochschulen auf Zeit das Promotionsrecht bekommen, wenn sie mit einer Uni zusammenarbeiten.