Unicef
„Man konnte nichts und niemandem vertrauen“

Die Europazentrale des Kinderhilfswerk Unicef ruft das deutsche Kommitee zum Handeln auf: Die Krise bei dem deutschen Ableger der Hilfsorganisation ist längst noch nicht ausgestanden. Und die Folgen werden immer dramatischer: Gut 5 000 Dauerspender haben sich inzwischen von Unicef abgewandt.

DÜSSELDORF. Die Europazentrale des Kinderhilfswerks Unicef hat das Komitee in Deutschland aufgefordert, umgehend die Vorwürfe der Misswirtschaft aufzuklären. „Wir erwarten, das Unicef Deutschland das Vertrauen sehr schnell wieder herstellt“, sagte Michael Klaus, der Kommunikationschef der Unicef-Europazentrale in Genf dem Handelsblatt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekräftigte dies: Es sei wichtig, dass der Ruf Unicefs „untadelig und unbeschädigt ist“, sagte Merkels Sprecher Thomas Steg.

„Diesen frommen Wunsch kann ich nur unterstützen“, sagte der neue Vorsitzende Reinhard Schlagintweit dem Handelsblatt. Nachdem die Vorsitzende Heide Simonis zurückgetreten war und die Vorwürfe gegen den Geschäftsführer Dietrich Garlichs lauter wurden, kommt Schlagintweit in Erklärungsnot. Gestern traf er sich mit Garlichs zum Krisengespräch. Dieser lehnt einen Rücktritt ab. „Ich bin mit voller Kraft dabei, zusammen mit dem neuen Vorsitzenden und vielen anderen, die sich engagieren, Unicef aus dieser Krise heraus zu führen“, sagte er im WDR. „Man kann nicht Köpfe rollen lassen, nur damit man sieht, dass etwas geschieht“, fügte Schlagintweit hinzu. Garlichs steht unter anderem in der Kritik, weil ein ehemaliger Mitarbeiter für verschiedene Tätigkeiten über einen längeren Zeitraum mit 600 Euro am Tag entlohnt worden war.

Zuvor hatte sich Schlagintweit in einem Brief an die Ehrenamtlichen gewendet: „Die letzten 2 1/2 Monate waren ein Alptraum. Man konnte nichts und niemandem vertrauen.“ Der Rücktritt von Simonis habe ihn sehr erleichtert. Dies erlaube dem Vorstand, „wieder nach vorne zu schauen und uns auf unsere Arbeit zu konzentrieren“.

Die besteht zunächst einmal in einer Schadensbegrenzung. Seit Beginn der Krise Anfang Dezember hat die Organisation 5 000 ihrer 200 000 Dauerspender verloren. Auch aus den 120 Arbeitsgruppen des Kinderhilfswerks kommt Kritik. Die Arbeitsgruppe Niederrhein hat sich bereits aufgelöst. Und mit der Schwimmerin Sandra Völker hat auch die erste Prominente ihre Abkehr von Unicef erklärt.

„Wir sind sehr besorgt, das ist klar“, sagte der Genfer Kommunikationschef Klaus. Denn darüber hinaus droht Unicef die Aberkennung des Spendensiegels. Das Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) prüft entsprechende Maßnahmen. Es vergibt die Auszeichnung für Seriosität am Spendenmarkt. Kriterien sind etwa die nachprüfbare Verwendung der Spendenmittel sowie das Verbot, Provisionen zu vergeben. „Wir wollen uns vergewissern, ob sich mit den jüngsten Entwicklungen neue Erkenntnisse zur Vergabe des Siegels ergeben“, sagte der DZI-Vorsitzende Burkhard Wilke. Eine völlige Aberkennung des Siegels sei jedoch „eine absolute Seltenheit“. Das DZI werde den Vorgang so schnell und gründlich wie möglich prüfen. Den Prüfern in der Unicef-Europazentrale waren bislang keine Unregelmäßigkeiten des deutschen Finanzberichts aufgefallen.

Mit guter Sacharbeit und verbesserter Kommunikation will Schlagintweit das Vertrauen zu den Mitarbeitern wieder herstellen: „Wir werden Ihre Wünsche und Vorschläge in den nächsten Monaten gründlich im Vorstand und mit Ihnen diskutieren und prüfen“, schreibt der Vorsitzende. Er wolle versuchen, die Krise als eine Art Modernisierungsschub zu sehen. Letztlich könne sie helfen, „das Unicef seinen Platz in unserer sich rasch wandelnden Gesellschaft nicht nur behaupten, sondern weiter ausbauen wird“.

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