„Union als Steigbügelhalter der SPD“
CDU-Wirtschaftsrat giftet gegen Renten-Abnicker

„Gefährliche Geisterfahrt“, „verheerendes Signal“, „Bremsklotz notwendiger Reformen“: Der CDU-Wirtschaftsrat lässt kein gutes Haar am Kompromiss zur Rente mit 63. Vor allem die Union bekommt ihr Fett weg.
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BerlinDer Präsident des Wirtschaftsrates der CDU, Kurt J. Lauk, hat mit heftiger Kritik auf den Rentenkompromiss der Fraktionsspitzen der Großen Koalition reagiert: Die SPD habe Deutschland mit der Agenda 2010 mit Unterstützung der damaligen Oppositionspartei CDU und den Rentenreformen der Minister Franz Müntefering und Walter Riester „entscheidend“ vorangebracht. „Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass nun ausgerechnet die Union als Steigbügelhalter der SPD diese Reformen mit zurückdreht“, sagte Lauk. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist die Rente mit 63 unter voller Anrechnung der Arbeitslosenzeiten eine gefährliche Geisterfahrt für die Industrienation Deutschland und sendet das falsche Signal nach Europa.“

Wenige Tage vor der Bundestags-Abstimmung hatten sich die Fraktionsspitzen von CDU/CSU und SPD am Montag auf Regeln geeinigt, die eine Frühverrentungswelle bei der Rente mit 63 vermeiden sollen. Vom Wirtschaftsflügel und von jungen Abgeordneten der Union, die starke Vorbehalte deutlich gemacht hatten, kamen aufgeschlossene Signale. Die Opposition nannte den Kompromiss ungerecht und meldete Zweifel an der Finanzierung an.

Lauk sagte, ohne die Rente mit 63 wäre der Einstieg in die Flexi-Rente ein „schöner Erfolg“ hin zu mehr Wahlfreiheit und einer längeren Lebensarbeitszeit. „So sind die neuen Befristungsmöglichkeiten für Arbeitsverhältnisse jenseits der Regelaltersgrenze nicht mehr als ein Feigenblatt“, kritisierte der CDU-Politiker. Die „kosmetischen Korrekturen“ der Fraktionsspitzen seien zwar richtig, sie könnten jedoch die „katastrophalen Folgen“ der Rente mit 63 nicht überdecken.

Lauk gab zu bedenken, dass 200.000 Menschen durch das Rentenpaket jedes Jahr vorzeitig in den Ruhestand gedrängt würden. Wer verzichte, verschenke zwei Rentenjahre. „Dabei werden ältere Arbeitnehmer in Zeiten der Bevölkerungsalterung mehr denn je gebraucht“, unterstrich der Wirtschaftsrat-Präsident. Der Fachkräftemangel entwickle sich zu Deutschlands „Wachstumshindernis Nummer eins“, es sei denn, die Bundesregierung steuere entschlossen dagegen. „Stattdessen geben Union und SPD mit der Rente mit 63 auch noch kräftig Gas in Richtung industrielles Abseits“, befürchtet Lauk.

Abgesehen davon senden die Regierungsfraktionen aus Lauks Sicht mit der Verabschiedung des Rentenpakets zwei Tage vor der Europawahl ein „verheerendes Signal“ an die anderen EU-Mitgliedsstaaten. „Wenn Deutschland selbst die Axt an die Zukunftsfähigkeit seiner Sozialsysteme legt, dann verliert es jede Autorität als europäischer Reformmotor“, ist der CDU-Politiker überzeugt.

Bisher sei die Bundesrepublik bei der Verlängerung der Lebensarbeitszeit „mutig vorangeschritten“ und habe so den Krisenländern glaubwürdig ein höheres Renteneintrittsalter abverlangen können. Dabei habe Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf europäischer Bühne „große Erfolge“ erreicht. Nun aber, so Lauk, „wandelt sich Deutschland durch die Rente mit 63 vom Motor zum Bremsklotz der dringend notwendigen Strukturreformen“.

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  • Der SED war auch alles egal. Mit ihrer satten Mehrheit und den erbärmlichen Blockflöten in der Volkskammer, hat sie ohne zu zögern ihre schädliche Politik durchgesetzt.

    Geschichte wiederholt sich gerade.

    Ich wähle am Sonntag die AfD!

  • Ich wähle ohnehin NIE WIEDER eine der Blockparteien. Die AfD aber auch nicht - die ist keinen Deut besser!

  • Die heutige Jugend ist so träge und unbedarft, dass sie nicht einmal merkt, wenn sie massiv über den Tisch gezogen werden; täglich müßte demonstriert werden, aber nichts passiert, man geht lieber ins Freibad, das war bei uns 1968 ganz anders.

    Der eigene Renteneintritt liegt ja noch 40 Jahre weit entfernt; April, April, dann liegt das Eintrittsalter nämlich bei 75 Jahren und das bei halber Leistung.

    Auf den Intellekt unserer Jugend kann man nun wirklich nicht mehr stolz sein. Jetzt hätte man noch gegensteuern können; genauso verhält es sich übrigens mit der Klimakatastrophe, die auch erst in 40 Jahren brutal zuschlägt.

    Ach du arme dumme und träge Jugend von heute.

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