Union
CDU: Wahl ohne Kampf

Die CDU startet diese Woche ihren Wahlkampf und wagt ein einzigartiges Experiment: Sie will die Wahl gewinnen, ohne sich ernsthaft mit dem Gegner auseinanderszusetzen. Das Kalkül könnte sogar aufgehen.

BERLIN. Ronald Pofalla redet über ein Phantom. Über "die heiße Phase des Wahlkampfs", die nach Ansicht des CDU-Generalsekretärs nun beginnt. Für Hitze aber sorgt in der Hauptstadt nur die Sonne. Pofallas Rhetorik ist weit davon entfernt, Zündstoff für den Bundestagswahlkampf zu liefern. Mit ein paar sanften Attacken gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier präsentiert Pofalla die ersten Wahlkampf-Plakate. Pofalla sieht für Aufgeregtheit keinen Grund. Zwar sei die Wahl noch nicht gelaufen, aber die Union werde schon 40 Prozent plus X der Stimmen holen - und Kanzlerin Angela Merkel weiter das Land regieren.

Damit diese Rechnung aufgeht, schickt die CDU den derzeit populärsten Politiker ins Rennen. Karl-Theodor zu Guttenberg ist zwar nur eine Leihgabe der Schwesternpartei CSU, wirbt aber auf dem CDU-Plakat vielsagend für "Wirtschaft mit Vernunft". Auch die anderen Unions-Mitglieder des Bundeskabinetts treten für ihre Themen ein. Pofalla spricht von einer "Kompetenzkampagne". Offen bleibt indes, wofür die CDU bei Wirtschaft, Bildung, Sicherheit oder Familie steht. Gerade dieser Verzicht auf konkrete Inhalte scheint Programm zu sein. Pofalla will auch keinen Gegenentwurf zum Deutschlandplan von Steinmeier vorlegen, dessen Logik er "aberwitzig" findet.

Sorgen bereitet dem CDU-Generalsekretär offenbar nur der Wunschkoalitionspartner FDP, der aus Pofallas Sicht immer noch kein klares Bekenntnis zu Schwarz-Gelb abgegeben haben. "Das sollte die FDP jetzt schleunigst beschließen", sagt er. FDP-Chef Guido Westerwelle fordert er auf, er solle "Nägel mit Köpfen" machen und einen Beschluss des Bundesvorstandes herbeiführen. Doch Westerwelle will sich an diesem Tag dazu nicht wirklich äußern. Er sieht keinen Grund, ein mögliches schwarz-gelbes Bündnis schon jetzt formal zu beschließen, weil er eine Ampel-Koalition von SPD, FDP und Grünen mehrfach ausgeschlossen hat.

Am Wochenende beginnt auch Merkel ihre Wahlkampftour. Erster Termin: Samstagnachmittag ist die Kanzlerin beim CDU-Familienfest am Bostalsee, ein Stausee im nördlichen Saarland. Es folgen zumeist zwei Wahlkampfauftritte täglich, von Zingst an der Ostsee über Münster nach Weimar, Plauen usw. Zumeist diktieren die Landtagswahlen Ende August im Saarland, in Sachsen und Thüringen sowie die wichtige Kommunalwahl in NRW den Reiseplan. Alles wird aussehen wie Wahlkampf - und trotzdem anders als üblich sein.

Denn eine Schlammschlacht mit ihrem politischen Gegner wird sich Merkel nicht liefern. Sie wird staatstragend vom Weg aus der Krise reden - und 60 Jahre Bundesrepublik und 20 Jahre Mauerfall feiern. Als "die Frau, die Deutschland aus der Wirtschaftskrise führt", hat sie sich schon vor den Europawahlen ankündigen lassen. Doch klare Ansagen, wie das gelingen soll, waren nicht zu hören. Auch das gemeinsame Wahlprogramm von CDU und CSU enthält kaum konkrete Antworten darüber, wie Deutschland nach dem 27. September regiert werden soll. Vielmehr dient es dazu, möglichst alle Flügel der Volkspartei ruhig zu halten, alle Interessen ein bisschen zu bedienen. Wenig konkreter wird bislang auch der neue Wirtschaftsstar der Union, zu Guttenberg. Diskutiert wird noch, ob CDU und CSU Anfang September ein konkreteres Hundert-Tage-Programm vorlegen sollen.

Hinter diesem "Wahlkampf light" steht eine knallharte Strategie. Was aussieht wie Wählerfang im Schonwaschgang, folgt durchaus logischen Erwägungen. Nur ein Beispiel: Würde in Deutschland der Bundeskanzler direkt gewählt, bekäme Merkel 61 Prozent der Stimmen, ihr Herausforderer Steinmeier ganze 24. Damit liegt Merkel weit vor ihrer Partei, die aktuell auf rund 35 Prozent kommt. In manchen Umfragen geben 40 Prozent der SPD-Wähler an, Merkel sei die bessere Kanzlerin.

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