Unruhe in der SPD
Dissonanzen im Gesangverein

Wenige Tage vor dem Parteitag der SPD singt die Führungsspitze noch immer verschiedene Lieder. Angesichts miserabler Umfragewerte setzt SPD-Chef Kurt Beck vermehrt auf das Zugpferd soziale Gerechtigkeit und propagiert die Abkehr von der Agenda 2010 – sehr zum Unmut von Vizekanzler Franz Müntefering. Ein Besuch bei der SPD-Basis.

WIESBADEN/ESENS. Sorgen, nichts als Sorgen. Peter Geisberg will eigentlich nicht lange bleiben, er hat zu tun. Während andere in Jacke herumstehen an diesem Herbsttag, hat er nur ein hellblaues T-Shirt an, aus dem ein paar Brusthaare hervorschauen. Und dann klagt er doch. Über die Nachwuchssorgen: „Die Jungen fehlen.“ Über Führungsprobleme und fehlende Dankbarkeit. „Alle meckern“, sagt Geisberg und schaut auffordern und resigniert zugleich. „Aber hinschmeißen tut dann doch keiner.“

Auf dem Hof des bäuerlichen Anwesens, wo Geisberg auf Michael David einredet, verkleiden gerade drei Frauen einen Traktor mit roten Plastikplanen. In Wiesbaden-Delkenheim ist „Kerb“, Kirmes, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Peter Geisberg ist wieder dabei, er engagiert sich, dabei sieht er das Gemeinwesen schon am Rande der Grube. Michael David hat ihm lange zugehört und oft genickt. Ja ja, sagt er dann: „Genauso wie bei uns.“

Peter Geisberg, Erster Vorsitzender des Stadtteilchors „Harmonie“ und Michael David, SPD-Kandidat für die hessische Landtagswahl – irgendwie machen sie beide dasselbe: anrennen gegen den Zeitgeist, animieren der Verstummten und agitieren im Dienste der eigenen Sache. Doch in der SPD ist es zurzeit wie im Gesangverein – mitmachen ist out, meckern ist in, und drumherum reichlich Hummelgesumm.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschland steckt wenige Tage vor ihrem Parteitag am 24. Oktober in einem Dilemma: Die Umfragewerte sind im Keller, der Partei laufen die Mitglieder in Scharen davon. Zu allem Überfluss stehen Anfang nächsten Jahres gleich in drei Bundesländern Wahlen an, in Hessen und Niedersachsen am 27. Januar, in Hamburg am 24. Februar.

Doch anstatt Geschlossenheit zu demonstrieren, gibt es ein vielstimmiges Richtungsgejodel an der Spitze. Seit Kurt Beck versucht, sich und die Partei über das Thema „soziale Gerechtigkeit“ zu profilieren, kommen die Genossen nicht zur Ruhe.

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