„Unter der Diktatur des Kapitalmarkts“
Deutsche Politik sieht Griechenland-Zukunft skeptisch

Lange hat Griechenland nur mit internationaler Hilfe finanziell überlebt. Jetzt hat sich Athen wieder selbstständig Geld am Kapitalmarkt besorgt. Aus deutscher Sicht ist das Land aber noch lange nicht aus dem Schneider.
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BerlinPolitiker aus Koalition und Opposition sehen die Zukunft Griechenlands trotz seiner erfolgreichen Rückkehr an den Kapitalmarkt skeptisch. „Auch wenn Griechenland auf einem guten Weg ist - die Investoren sollten sich keiner Illusion hingeben. Das Land ist noch lange nicht über den Berg“, sagte Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs dem Handelsblatt (Freitagausgabe). Dass die Anleihe gut ankomme, sage noch lange nichts über die Schuldentragfähigkeit des Landes aus, sagte Fuchs weiter.

Ähnlich kritisch argumentiert Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats: „Die Verschuldung und die Wirtschaftsdaten machen Griechenland nicht zu einem solventen Schuldner, die Märkte haben sich vor allem durch die Garantieerklärungen von EZB-Chef Mario Draghi beeindrucken lassen.“ Jetzt dürfe nicht erneut die Schuldenschleuse geöffnet werden. „Jeder dieser teuer verkauften Bonds, für die letztlich immer noch die Euro-Gemeinschaft haftet, erhöht die Gesamtverschuldung Griechenlands“, so Steiger.

Und auch der Präsident des Familienunternehmer-Verbands, Lutz Goebel, warnt vor vorschnellem Optimismus. „Ich warne davor, die Rückkehr an den Kapitalmarkt als Beleg für eine Besserung der Verhältnisse in Griechenland zu interpretieren“, sagte Goebel. „Der Staatsanleihenkauf durch vornehmlich Hedge-Fonds ist vielmehr ein Beleg dafür, dass die Finanzinvestoren die politischen Tricksereien bei der Euro-Rettung durchschauen und darauf spekulieren, dass im Notfall wieder andere die Zeche zahlen.“

In diese Richtung äußerten sich auch Marktteilnehmer. „Die Märkte gehen davon aus, dass die Schuldenkrise in der Euro-Zone vorerst unter Kontrolle ist. Das gilt auch für Griechenland, denn im Zweifelsfalle steht die EZB ja Gewehr bei Fuß“, sagte ein Frankfurter Börsianer.

Kritisch äußerte sich auch der SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider. Über Twitter teilte er mit:

Die Linksfraktionsvize Sahra Wagenknecht zeigte sich überzeugt, dass sich durch die Rückkehr des griechischen Staates an den Kapitalmarkt die Situation der Menschen in dem Mittelmeerland nicht bessern werde. Vielmehr sehen sie darin „ein Zeichen für die Kontinuität der menschenverachtenden Krisenpolitik der Bundeskanzlerin und ihrer Helfershelfer“, sagte Wagenknecht.

„An der Emission der Anleihe verdienen sich die beteiligten Banken die nächste goldene Nase“, fügte sie hinzu. „Für die Rückkehr unter die Diktatur des Kapitalmarktes verlangen die Finanzmarktakteure einen um ein Vielfaches höheren Zinssatz vom griechischen Staat als dieser für die sogenannten Hilfskredite zahlen müsste.“ Für die Zinsen müssten die griechischen Bürger mit weiteren Lohn-, Renten- und Sozialausgabenkürzungen bluten.

Auch aus Sicht des Grünen-Europaexperten Manuel Sarrazin bleibt die wirtschaftliche und finanzielle Lage in Griechenland schwierig. Die sozialen und politischen Herausforderungen seien enorm. „Auch das Überschuldungsproblem ist noch nicht nachhaltig gelöst“, sagte Sarrazin. Es sei zwar gut, dass die griechische Regierung, sich wieder teilweise über den Kapitalmarkt refinanziere.

„Bis jedoch ein dauerhaft stabiler Marktzugang Griechenlands erreicht ist, wird das Land weiterhin auf finanzielle Unterstützung angewiesen sein“, ist Sarrazin überzeugt. „Von der griechischen Politik erwarten wir, entschlossen an den Reformen zur Transformation des Landes weiterzuarbeiten und dabei auf die soziale Ausgewogenheit der Maßnahmen zu achten.“

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Bombe vor Zentralbank explodiert

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  • Bitte unbedingt ansehen - bis zum Schluss! Es lässt sich anhand dieser EU-Projekte sehr gut ermessen, wie ein von Brüssel regiertes Europa funktionieren wird. Vor allem sehr interessant, wie die Brüsseler Bürokratie, trotz der bekannten Probleme in und mit Griechenland, arbeitet, wie Steuergelderverschwendung funktioniert und wie Brüssel auf Missstände reagiert... nämlich garnicht, lol...

    http://www.ardmediathek.de/das-erste/reportage-dokumentation/die-story-im-ersten-griechisches-roulette?documentId=20371606

  • Ein ziemlich verhaltener Kommentar unserer Regierenden für einen sehr merkwürdigen Akt. Immerhin finanziert der Bund mit Hilfsgeldern zum Alibizins (1.x%) und zT sogar unter Abschreibung erneute sichere und hohe Arbitrage-Gewinne der Finanzindustrie (c. 5%).

  • Fakt 1: Griechenland ist pleite!

    Was soll man gegen diesen ganzen EU-Wahnsinn tun?
    Auf die Straße gehen?
    Hätte man tun sollen als man uns gefragt hat ob wir die EU wollen. – Ach man hat uns gar nicht gefragt – na, so was aber auch. Und den €? Hat man uns da gefragt? Und die vielen Hilfspakete? Freunde, man wird uns niemals wieder fragen, weil sie wissen, dass so wie so keiner »hingeht«. Und auf die Straße? – Die Staatsmacht ist gerüstet und Zustände wie auf dem Maidan oder Tahir will der Michel nicht, der schimpft schon im Chor mit der »BLÖD« wenn die Piloten oder die Müllabfuhr streikt.
    Wie schreibt toallaenlatumbona: »Ich will mein Bonn wieder haben«! – Und ich mein »68«!!!

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