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Untersuchung: Blessing stützt Regierung vor HRE-Ausschuss

Nach Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann waren heute der ehemalige Hypo-Vereinsbank-Chef Wolfgang Sprißler und Commerzbankchef Martin Blessing vor dem Untersuchungsausschuss zum Niedergang der HRE am Zug. Nach Sprißlers Darstellung hätte ein Bankrott der Bank noch größere Auswirkungen als die Lehman-Pleite gehabt.

Commerzbankchef Martin Blessing: "Habe von der Verhandlungsstrategie der Bundesregierung viel gelernt." Quelle: ap
Commerzbankchef Martin Blessing: "Habe von der Verhandlungsstrategie der Bundesregierung viel gelernt." Quelle: ap

BERLIN. Commerzbank-Chef Martin Blessing hat die Position der Bundesregierung gestützt, professionell mit den Privatbanken über die Rettung der Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) verhandelt zu haben. Die Verhandlungsstrategie der Regierung habe die Bankvertreter unter Druck gesetzt, sagte Blessing vor dem HRE-Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin.

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Der Ausschuss versucht seit nunmehr zwei Monaten, die Hintergründe der milliardenschweren Rettungsaktion für den Münchener Immobilienfinanzierer durch den Staat und die privaten Banken zu durchleuchten. Die Opposition wirft Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und dessen Staatssekretär Jörg Asmussen (beide SPD) vor, sie seien unvorbereitet in die Verhandlungen am letzten Septemberwochenende 2008 gegangen und hätten sich von den Banken über den Tisch ziehen lassen.

„Das war eine mutige Strategie, da habe ich viel von gelernt“, sagte Blessing dagegen vor den elf Abgeordneten im Ausschuss mit Blick auf die Verhandlungsführung der Regierung. Der Commerzbank-Chef widersprach auch der Ansicht der Opposition, Asmussen sei nicht vorbereitet gewesen: „Der war voll im Film, der wusste genau, um welche Dimension es geht.“ Das Ministerium habe auf die Taktik gesetzt, erst spät zu den Verhandlungen zu erscheinen, was wegen der Zeitnot bei den Beteiligten zu erhöhtem Blutdruck geführt habe. „Ich habe nicht den Eindruck, dass Herr Asmussen da in die Verhandlungen reingestolpert ist“, sagte Blessing.

Der Commerzbank-Chef setzte gestern die Reihe der Top-Banker fort, die in dieser Woche vor dem Ausschuss aussagen müssen. Prominentester Zeuge war bisher Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank.

Zuvor hatte Wolfgang Sprißler, der damaligen Vorstandsvorsitzende der Hypo-Vereinsbank, aus der die HRE seinerzeit abgespalten wurde, den Staatseinstieg als alternativlos bezeichnet. Ein Zusammenbruch der Immobilienbank hätte nach seiner Einschätzung größere Folgen als die Lehman-Pleite gehabt. „Auf den internationalen Märkten hätte sich ein absolutes Chaos breitgemacht“, sagte Sprißler. Die HRE sei von ihrer Größe her mit dem US-Institut Lehman Brothers vergleichbar. Zudem wäre das „Epizentrum“ der HRE-Pleite in Deutschland gewesen.

Während sich in Berlin Opposition und Regierung streiten, sieht sich die HRE selbst mit einer Klagewelle konfrontiert. Allein beim Münchener Landgericht sind weit mehr als 100 Schadensersatzklagen anhängig. Bereits im Frühjahr schätzten Experten das Volumen der Ansprüche auf mehrere hundert Mio. Euro. Rechtsanwalt Andreas Tilp, der eine Reihe von institutionellen Investoren vertritt, sagte gestern: „Die von uns vertretene Schadensersatzklage hat ein Volumen von über 200 Mio. Euro.“ Die Anleger werfen der Bank vor, die Risiken in den Büchern lange verheimlicht zu haben. So hatte zum Beispiel Ex-Chef Georg Funke lange erklärt, die HRE werde gestärkt aus der Finanzkrise hervorgehen. Anfang 2008 schockte der Immobilienfinanzierer die Anleger dann mit Abschreibungen in Höhe von 390 Mio. Euro.

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