Urheberrechtsstreit
Piraten nennen Kritik „absurd und oberflächlich“

In einer Wutrede hat der Musiker Sven Regener der Piratenpartei Verlogenheit in der Urheberrechtsfrage vorgeworfen. Nun gehen die Kritisierten zum Gegenangriff über. Die Vorwürfe seien „absurd und oberflächlich.“
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MünsterFührende Politiker der Piratenpartei haben die Kritik von Rockmusiker Sven Regener an der Gratismentalität im Netz und der „Verlogenheit“ der Piraten entschieden zurückgewiesen. Regeners Kritik sei „absurd und oberflächlich“, sagte Matthias Schrade, Mitglied des Bundesvorstands der Piraten, auf Anfrage von Handelsblatt Online. Regener habe sich die Positionen der Piratenpartei offenbar gar nicht angeschaut.

Der bekannte Musiker („Element of Crime“) und erfolgreiche Buchautor Regener hatte in einem Hörfunk-Interview eine bemerkenswerte Wutrede gehalten und dabei alles verbal verdroschen, was momentan angesagt ist: Gratiskopieren im Netz, Proteste gegen das Urheberrecht und schließlich die Piratenpartei. Regener hatte sich darüber erregt, das auf Musikern herumgetrampelt werde, wenn sie auf ihren Urheberrechten beharrten. „Man pinkelt uns ins Gesicht“, beschwerte sich Regener. Für Musik zu bezahlen sei eine Frage von „Anstand und Respekt“.  Er wolle kein Straßenmusiker sein.

Konkret  sagte Regener über die Piraten: „Der örtliche Chef hier von der Piratenpartei, der hat eine Firma, die machen Apps fürs iPhone – das ist ein geschlossenes System, das ist hundert Prozent Copyright, mit Anwälten, mit allem Drum und Dran.“ Und solche Typen sprächen dann von Freiheit im Internet, echauffierte sich Regener. Die kleinen Plattenlabel seien längst alle tot, für junge Leute gebe es kaum noch eigene Musik.   

Pirat Matthias Schrade  sieht seine Partei hingegen als Vorkämpfer der Künstler. „Gerade die kleinen Künstler haben durch das Internet eine Chance.  Sie können sich dort vermarkten und etwa über iTunes ihre Musik selbst anbieten – und dann auch höhere Erlöse erzielen.“ Das sei doch besser, als sich einem Knebelvertrag mit einer Plattenfirma zu unterwerfen, wo man dann vielleicht fünf Prozent der Einnahmen erhält.

„Herr Regener befindet sich mit seiner Kritik in guter Gesellschaft“, sagte der gerade frisch gewählte NRW-Spitzenkandidat Joachim Paul Handelsblatt Online am Rande des Parteitags in Münster. „Nämlich mit William Shakespeare. Der war damals gegen den Buchdruck, weil er Angst hatte, dass er dann seine Stücke nicht mehr an die Theater verkaufen kann.“

„Die Rechteverwerter schützen die großen Künstler, wie etwa Madonna“, argumentiert Pirat Schrade. „Die großen Musikfirmen, wie etwa Sony, haben sich den Markt nehmen lassen – von einem marktfremden Anbieter, einem Computerhersteller, nämlich Apple. Es hätte doch genau so gut ein iSony geben können. Aber nein, sie haben die Entwicklung verschlafen“, sagt Schrade. Er selbst sei schon über Youtube auf Künstler gestoßen, von denen er sonst nie erfahren hätte. Und tatsächlich  gibt es ja schon Beispiele von Künstlern, die über eine kluge Selbstvermarktung im Internet groß geworden seien.

Erste Beschlüsse zum Urheberrecht haben die Piraten bereits verabschiedet: So soll dieses Recht mit dem Tod des Urhebers erlöschen, und nicht erst – wie bislang – 70 Jahre danach. NRW-Spitzenkandidat Joachim Paul erklärte auch, er wolle sich für „Open Access“ stark machen: Es könne nicht sein, dass ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität auf Kosten des Steuerzahlers einen Fachaufsatz erstelle, dieser dann an einen wissenschaftlichen Verlag gehe, und die Universität den Aufsatz in Form eines Abdrucks in einer Fachzeitschrift „für teures Geld zurückkauft“. Das werden die wissenschaftlichen Verlage nicht gerne hören.

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  • Noch ein Zusatz zum ersten Kommentar. Das Urheberrecht entsteht ja schon in dem Moment wo das Werk oder die Grafik usw. geschrieben wird. Und aus der reinen Logik heraus ist das Urheberrecht automatisch erloschen mit dem Ableben der Person, aber wichtig um das "Schmücken mit fremden Federn" auszuschliessen sollte eine Quellenangabe genannt werden. Das hat auch etwas mit Würde und Respekt vor dem Künstler zu tun. Wenn ein anderer meine Werke kaufen würde und es als seines ausgeben würde, dann würde ich demjenigen den Hintern aufreissen. Sowas geht einfach nicht, gibt es aber leider auch. Ich verlange Quellenangaben auch von meinen 3D Grafiken und Musikwerken, um dies mal als Beispiel zu erwähnen.

  • Hallo die Herrschaften!
    Es ist ja alles gut und schön was da an Neuerungen gebracht werden sollen. Aber eines kann man niemals abschaffen, das Urheberrecht! Dies hat nichts mit GEMA oder Plattenfirmen zu tun. Musikrechte bzw. Nutzungsrechte kann man vergeben, aber es kann nicht sein das man Urheberrechte verletzt, und sich mit fremden Federn schmücken kann. Es ist sowiso Unart was im Netz alles geklaut wird, und der Autor geht leer aus. So sollte es natürlich auch nicht sein. Ich bin zwar GEMA-Mitglied, aber lasse die meisten Werken frei. Denn ich sehe auch nicht ein das diese Leute daran mit partizipieren, nur verwalten, und abkassieren, und der Urheber das wenigste bekommt.
    MfG Komponist und Musikproduzent Anonymus

  • Gruppenegoismus und Fortschrittsfeinde 10

    Fortschritt ist nicht unumkehrbar. Fortschritt kann
    verhindert werden, und Fortschritt kann zurückgenommen
    werden. Wenn wir uns nicht wehren!

    Schönen Gruss an Sven Regener

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