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Urteil zur Sterbehilfe: Der lange Kampf des Ulrich Koch

Vor sieben Jahren reiste das Ehepaar Koch in die Schweiz. Nicht um Urlaub zu machen, sondern um der schwerkranken Bettina Koch einen würdevollen Tod zu ermöglichen. Seitdem kämpft der Witwer für die aktive Sterbehilfe.

Der Witwer Ulrich Koch spricht zwei Tage vor der Verhandlung am europäischen Gerichtshof für Menschenrechte über den Freitod seiner Frau. Quelle: dpa
Der Witwer Ulrich Koch spricht zwei Tage vor der Verhandlung am europäischen Gerichtshof für Menschenrechte über den Freitod seiner Frau. Quelle: dpa

BraunschweigDas Vermächtnis seiner Frau ist für Ulrich Koch zu einem wichtigen Teil seines Lebens geworden. Bettina Koch war nach einem Sturz querschnittsgelähmt und wollte sterben. Doch die deutschen Gesetze ermöglichten ihr keinen Freitod in ihrer Heimatstadt Braunschweig. „Es war alles so furchtbar traurig. Immer häufiger wünschte sie sich ihren Tod“, erinnert sich der Witwer.

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Vor sieben Jahren verhalf ihr in der Schweiz schließlich der Sterbehilfe-Verein Dignitas zum Freitod. An diesem Donnerstag entscheidet nun der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) an ihrem Fall, ob Deutschland seinen Bürgern in allen Lebenssituationen den Zugang zu tödlichen Medikamenten verbieten kann.

Es war ein sonniger Apriltag im 2002, das Ehepaar kam vom Einkaufen, als die damals 53 Jahre alte Bettina Koch aus ungeklärten Gründen ins Schwanken geriet und stürzte. Erst drei Tage später stellten die Ärzte fest, dass sie sich das Genick angebrochen hatte. Von einer Minute zur anderen war das bisherige Leben vorbei. „Meine Frau liebte ihre Hunde, lange Spaziergänge in der Natur und ihre Unabhängigkeit“, erzählt der Witwer bewegt.

Nach 14 Monaten in einer Spezialklinik kam Bettina Koch im Rollstuhl zurück. „Ihre Hunde haben sie nicht erkannt“, erinnert sich Koch. Er hatte mittlerweile einen behindertengerechten Anbau errichten lassen, ein großes Auto für den Rollstuhl gekauft. „Sie ist nie wieder rausgegangen.“

Sie konnte nicht allein atmen, musste Verschleimungen und schmerzhafte Verkrampfungen ertragen. „Von sechs Versuchen, sie in den Rollstuhl zu setzen, scheiterten drei wegen eines Spasmas“, berichtet Koch. „Ich konnte meine Gefühle nicht zeigen, wenn ich geweint habe, bekam sie ein Spasma.“

Der Wunsch nach dem Ende des Leidens sei immer größer geworden. „Unsere Tochter und die gesamte andere Familie steht hinter der Entscheidung meiner Frau“, betont Koch, der heute wieder verheiratet ist. Auch seine jetzige Frau verstehe und unterstütze seinen Kampf.

Sterbehilfe Die Würde des Menschen ist antastbar

Donnerstag wird über den Tod verhandelt. Nicht im Himmel, sondern in Straßburg. Nicht zwischen Gott und Satan, sondern zwischen Ulrich Koch und dem Gerichtshof für Menschenrechte. Nicht über das ob, sondern über das wie.

2004 stellten Koch und seine Frau dann beim Bundesinstitut für Arzneimittel einen Antrag für ein tödliches Medikament. Doch in Deutschland gab und gibt es keinen legalen Weg für den Freitod in dieser Situation. In den Niederlanden wird nur dort lebenden Menschen der Freitod gewährt, und so wandte Koch sich an Dignitas in Zürich. Bevor das Ehepaar die Fahrt antreten konnte, musste ein Apparat gebaut werden, der es seiner Frau erlaubt, ohne Hilfe das Getränk zu sich zu nehmen.

„Es war eine schreckliche Fahrt am 12. Februar 2005“, erzählt er stockend. Draußen habe es gestürmt. In Zürich habe seine Frau dann mit den Zähnen den Mechanismus ausgelöst, der es ihr ermöglichte, das Getränk zu sich zunehmen: „Sie war so relaxed und hat gelächelt“, erinnert sich der Witwer. „Wenn es in Zürich nicht geklappt hätte, wäre ich bereit gewesen, ins Gefängnis zu gehen.“

Im Nebenzimmer warteten Kripo und Staatsanwaltschaft, ein Video dokumentierte den Freitod. „Um einen Missbrauch auszuschließen, überwachen die Behörden jeden Freitod in der Schweiz“, erläutert Detlef Koch, gleichnamiger Anwalt des Witwers. Die Kanzlei, in der der Anwalt für Medizinrecht arbeitet, begleitet Ulrich Koch seit 2004 durch alle Instanzen. „Wir wissen nicht, wie der EGMR entscheidet, haben auch keinen Fingerzeig.“ Dennoch habe er ein gutes Gefühl.

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