Uwe Neumann
„Nachholbedarf vor allem in Sachen Innovationen“

Während Essen den Anschluss an die erfolgreichere Rheinregion findet, kämpft das nördliche Ruhrgebiet immer noch stark mit dem Strukturwandel. Über die Gründe sprach Handelsblatt-Redakteurin Claudia Schumacher mit Uwe Neumann, Regionalexperte beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).
  • 0

Handelsblatt: Herr Neumann, wie kommt es, dass sich das Ruhrgebiet so heterogen präsentiert?

Uwe Neumann: Traditionell gibt es im Ruhrgebiet ein Süd-Nord-Gefälle. Durch die Nord-Verlagerung des Bergbaus kam das automatisch. Die Städte, die sich schon länger von der Montanindustrie verabschiedet haben, stehen auch besser da. Der Norden, wo teils noch Steinkohle gefördert wird, hat mit den Folgen des Strukturwandels noch ziemlich zu kämpfen.

Was machen die Städte falsch?

Die Politik hat vor allem in der Vergangenheit Fehler gemacht. Sie hätte eher zur Kenntnis nehmen müssen, dass man sich neu orientieren muss. Es war schon lange erkennbar, dass die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Bergbaus im Weltmarkt nicht mehr gegeben ist, weil die Kosten der Steinkohleförderung bei uns zu hoch sind. Die Kohle liegt hier einfach zu tief unter der Oberfläche. Dafür hat man zu lange daran festgehalten.

Welche Probleme sind dadurch entstanden?

Durch Anpassungsprobleme im Strukturwandel kam es zu hoher Arbeitslosigkeit und zur Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Es ist aber auch nicht leicht, sich von einer so prägenden Kernindustrie zu verabschieden. Darum sollte man das bisher Erreichte nicht unterbewerten und insgesamt nicht alles pessimistisch sehen. Ein Problem vieler Städte im nördlichen Ruhrgebiet ist, dass sie in ihrer räumlichen Entwicklung sehr eingeschränkt sind und gewissermaßen im Schatten der nahen Großmetropolen liegen. Größere Metropolen haben es da einfacher als die kleinen Städte, haben bessere Zukunftsaussichten - vor allem, was die Bevölkerungsentwicklung und Arbeitslosigkeit angeht. Die größeren Städte ziehen eher junge Menschen an, worauf es in Zukunft immer stärker ankommen wird.

Handelsblatt: Wo liegt denn die Lösung?

Ein Ansatz liegt in der gemeinsamen Entwicklung und Vermarktung von Standortstärken. Das Jahr der Kulturhauptstadt hat gezeigt, dass die Bevölkerung eine starke Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet hat. Keine der Städte wäre alleine in der Lage gewesen, dieses Ereignis zu stemmen. Daran kann man mit einem guten Standortmarketing anknüpfen, das die unterschiedlichen Stärken der größeren und kleineren Städte in den Kern- und Randbereichen des Ruhrgebiets aufzeigt und vor allem auch zu deren Ausbau beiträgt.

Und wirtschaftlich?

Das Ruhrgebiet steht insgesamt gar nicht mehr so schlecht da. Es hat etwa als Logistik- und Dienstleistungsstandort enorm aufgeholt - und auch, was das Wirtschaftswachstum angeht. Allerdings gibt es auch kaum Wirtschaftsbereiche, in denen das Ruhrgebiet zur absoluten Spitze gehört. Nachholbedarf gibt es vor allem in Sachen Innovationen. Die Quote von Forschung und Entwicklung etwa ist viel zu niedrig. Was das Ruhrgebiet braucht, sind höhere Gründungsraten, einen stärkeren Mittelstand und vor allem qualifizierte Zuwanderer, die nicht nur zum Studieren hierher kommen, sondern sich langfristig niederlassen.

Seite 1:

„Nachholbedarf vor allem in Sachen Innovationen“

Seite 2:

Kommentare zu " Uwe Neumann: „Nachholbedarf vor allem in Sachen Innovationen“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%