Vatikan
Geheimdienstler lassen Pius-Brüder gewähren

Weder extremistisch noch verfassungsfeindlich sei die erzkonservative katholische Pius-Bruderschaft, meint der deutsche Inlandsgeheimdienst. Eine Beobachtung, wie Politiker von SPD und Grünen gefordert hatten, kommt daher nicht in Frage.

DÜSSELDORF. „Derzeit sind uns keine hinreichenden Anhaltspunkte bekannt, dass es sich bei der Pius-Bruderschaft um eine extremistische Bestrebung handelt“, begründete die Sprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz am Mittwoch im Gespräch mit Handelsblatt.com die Entscheidung. Bislang sei auch „nicht erkennbar, dass die Äußerungen von Vertretern der Pius-Brüder in eine politisch motivierte, gegen die staatliche Grundordnung gerichtete Aktivität gemündet sind“.

Der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy, hatte zuvor gegenüber Handelsblatt.com von ernstzunehmenden Hinweisen gesprochen, die auf eine verfassungsfeindliche Bestrebung hindeuteten. So lehne die Bruderschaft Grundzüge von Demokratie und Religionsfreiheit ab. Der Ordensgemeinschaft gehört der Holocaust-Leugner Richard Williamson an. Die Bruderschaft widerspreche dem Grundsatz der Religionsfreiheit und richte sich gegen den freiheitlichen, weltanschaulich neutralen Staat, wie ihn das Grundgesetz vorsehe, sagte auch der Grünen-Politiker Volker Beck.

Papst Benedikt XVI. hatte Williamson und drei weitere exkommunizierte Bischöfe der Pius-Bruderschaft am 24. Januar teilweise rehabilitiert und damit in vielen Ländern Empörung und Sorge über die Zukunft des katholisch-jüdischen Dialogs ausgelöst.

Dessen ungeachtet fühlt sich die Piusbruderschaft offenbar angesichts des Drucks der Öffentlichkeit zunehmend gegängelt. Entsprechend ungehalten reagierte sie auf die Forderung nach einer Überprüfung ihrer Schulen. Die eigenen Schulen in Nordrhein-Westfalen, Saarland und Baden- Württemberg seien seit ihrer Gründung unter der Aufsicht der jeweiligen Kultusministerien, betonte der Distriktobere Pater Franz Schmidberger am Mittwoch in Stuttgart. Die vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) geforderte Überprüfung sei daher „geradezu ein Affront für die zuständigen Ministerien“.

Der ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer hatte am Montagabend im Südwestrundfunk (SWR) gesagt: „Wenn die Prüfung ergibt, da werden Grundsätze vertreten, die nicht mit der freiheitlichen Verfassungsordnung in Einklang sind, dann muss man das verbieten.“ Dagegen erklärte Schmidberger: „Unsere Schulen werden nicht nur von Gläubigen aus dem Umfeld der Piusbruderschaft besucht, sondern auch von anderen Katholiken und evangelischen Christen.“

Nach einem Bericht der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat der Generalobere der Bruderschaft, Bischof Bernard Fellay, schon vor dem Papst gewusst, dass sein Bischofskollege Richard Williamson den Holocaust leugnet. Dies gehe aus einem Brief Fellays vom 21. Januar an den schwedischen Fernsehsender AB-SVT hervor, um dessen Interview mit Williamson zu verhindern. Möglicherweise habe die Bruderschaft ihr Wissen über Williamson dem Vatikan verschwiegen, um die Aufhebung der Exkommunikation nicht zu gefährden. Der Vatikan gab die Aufhebung der Exkommunikation erst drei Tage später, am 24. Januar, bekannt. Der Vatikan beteuerte, dem Papst seien Williamsons Äußerungen zum Zeitpunkt der Entscheidung über die Rücknahme der Kirchenstrafe nicht bekanntgewesen.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik
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