Verbraucherschützer schlagen Alarm

In Deutschland gibt es pro Tag 69 Problemflüge

Reisende in Deutschland müssen derzeit viel Geduld und Nerven aufbringen. Vor allem die Beschwerden über Flugverspätungen haben im ersten Halbjahr deutlich zugenommen. Das ruft Verbraucherschützer auf den Plan.
Kommentieren
Bei Air Berlin ist der wachsende Reiseärger längst Chefsache. Quelle: Reuters
Air Berlin.

Bei Air Berlin ist der wachsende Reiseärger längst Chefsache.

(Foto: Reuters)

BerlinLoslassen und abheben: Millionen Deutsche starten dieser Tage mit dem Flieger in die Ferien. Dass dies reibungslos abläuft, scheint angesichts neuer Zahlen der Schlichtungsstelle für öffentlichen Verkehr (SÖP) und des Fluggastrechteportals EUclaim eher unwahrscheinlich.

Laut der Datenbank des Portals fielen von Anfang Januar bis Ende Juni 9.861 Flüge von und nach Deutschland aus. Mit einer Verspätung von über drei Stunden seien 2.602 Maschinen gelandet. Pro Tag gebe es in Deutschland damit durchschnittlich 68,8 Problemflüge. „Die Hauptursachen für Flugausfälle und -verspätungen in diesem Jahr waren die Probleme von Air Berlin und der Streik an den Berliner Flughäfen im März“, so Stefanie Winiarz, Deutschland-Chefin von EUclaim.

Auch die offizielle Schlichtungsstelle für Bahn, Luftverkehr, Fernbus in Berlin registriert immer mehr Reisebeschwerden. Rund 6900 unzufriedene Reisende wandten sich im ersten Halbjahr an die von der Bundesregierung anerkannte Einrichtung, wie aus einer dem Handelsblatt vorliegenden Übersicht hervorgeht. Das sind 1470 Fälle oder 27 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Vor allem Verspätungen und Ausfälle von Flügen fallen demnach erheblich ins Gewicht. Rund 5300 Passagiere reichten in den ersten sechs Monaten einen Schlichtungsantrag bei der Schlichterstelle ein, 31 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2016. Hinzu kamen rund 1200 Anträge von Bahnfahrgästen (nahezu unverändert), 200 von Fernbusreisenden (plus 29 Prozent) und 200 von Nahverkehrsnutzern (plus 36 Prozent).

In diese Länder fliegen Sie am billigsten
Flugpreis-Index
1 von 21

Für die Auswertung des Flugpreis-Index 2017 wurden mehr als eine Million Kurz- und Langstreckenflüge in den 80 meistbesuchten Ländern untersucht, sowohl in der Hauptreisezeit als auch außerhalb. Dadurch hat das Online-Reiseportal Kiwi.com ermittelt, wie viel Passagiere in welchem Land im Schnitt pro hundert Kilometer zurückgelegter Strecke für Flüge zahlen müssen. Die Übersicht beginnt mit der Rangliste der zehn günstigsten Länder.

(Quelle: wiwo.de/Kiwi.com)

Platz 10: Spanien
2 von 21

In dem südeuropäischen Land liegen die durchschnittlichen Kosten für 100 Kilometer Flugstrecke bei 6,51 Euro. Mit dem Billigflieger kostet die Kurzstrecke 7,92 Euro (herkömmliche Airline 12,67 Euro) und die Langstrecke 1,58 Euro (herkömmliche Airline 3,87 Euro).

Platz 9: Schweden
3 von 21

Wer etwa vom Flughafen in Stockholm abfliegt, der bezahlt innerhalb Schwedens pro 100 Kilometer Strecke durchschnittlich 6,39 Euro. Kurzstrecken kosten bei den Billigairlines 6,80 Euro (herkömmliche Airlines 14,61 Euro) und Langstrecken 1,20 Euro (herkömmliche Airlines 2,96 Euro).

Platz 8: Thailand
4 von 21

Hier müssen Reisenden pro 100 Kilometer Strecke durchschnittlich 6,20 Euro bezahlen. Bei den Billigfliegern kostet die Kurzstrecke 3,69 Euro (herkömmliche Airlines 7,56 Euro) und die Langstrecke 4,18 Euro (herkömmliche Airlines 9,35 Euro).

Platz 7: Portugal
5 von 21

In dem beliebten Urlaubsland kosten 100 Kilometer Strecke durchschnittlich 5,97 Euro. Für die Kurzstrecke zahlen Reisenden bei den Billigairlines 3,64 Euro (herkömmliche Airlines 14,18 Euro) und für die Langstrecke 2,40 Euro (herkömmliche Airlines 3,66 Euro).

Platz 6: Indonesien
6 von 21

Wer von Bali aus das Land erkunden will, bezahlt pro 100 Kilometer Strecke durchschnittlich 5,96 Euro. Bei den Billigfliegern kostet die Kurzstrecke 3,83 Euro (herkömmliche Airlines 4,11 Euro) und die Langstrecke 5,68 Euro (herkömmliche Airlines 10,23 Euro).

Platz 5: Rumänien
7 von 21

Hier bezahlen Reisende für 100 Kilometer Strecke durchschnittlich 5,94 Euro. Die Kurzstrecke kostet bei den Billigfliegern 2,79 Euro (herkömmliche Airlines 12,69 Euro) und die Langstrecke 2,44 Euro (herkömmliche Airlines 5,93 Euro).

Verbraucherschützer sprechen angesichts der Statistik von einem „desolaten Zustand“ für die Betroffenen. „Uns ist es wichtig, dass die Kunden in solchen Fällen auch entschädigt werden“, sagte Marion Jungbluth, Teamleiterin Mobilität und Reisen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), dem Handelsblatt. Hier seien vor allem die Unternehmen gefragt. Doch im Ernstfall, wenn etwa eine Airline zahlungsunfähig wird, kann eine Entschädigung schnell auf der Kippe stehen. Vor allem, weil der Gesetzgeber, wie der VZBV kritisiert, für solche Fälle keine Vorsorge getroffen hat.

Bei konventionellen Entschädigungsforderungen stehen den Verbrauchern indes zunächst noch andere Wege offen. Entweder die Unternehmen entschädigen von sich aus oder sie lassen sich auf eine Schlichtung ein. Dann, so die Schlichtungsstelle, werde die Schlichtungsempfehlung in rund 80 Prozent der Fälle sowohl vom Reisenden als auch vom betroffenen Verkehrsunternehmen anerkannt. An dem Verfahren beteiligen sich derzeit 46 Fluggesellschaften, 5 mehr als vor einem Jahr, darunter alle deutschen Airlines. Insgesamt sind damit nun 360 Verkehrsunternehmen Mitglieder der SÖP, 100 mehr als Mitte 2016.

Ein Grund für den Anstieg bei den Schlichtungen ist etwa der Umbau bei einzelnen Luftfahrtunternehmen. Dies habe „zu entsprechenden Problemen in der Abwicklung des Flugangebots“ geführt, sagte der Geschäftsführer der Schlichtungsstelle, Heinz Klewe. Auch in diesen Fällen sei häufig ein Kompromiss zwischen Anbieter und Kunden gefunden worden.

Der wachsende Reiseärger bei Air Berlin ist indes längst Chefsache. Für Flugausfälle und Verspätungen will die Airline „deutlich mehr als zehn Millionen Euro“ Schadenersatz an ihre Kunden leisten. „Wir legen Sonderschichten ein, um die Gelder auszuzahlen“, sagte jüngst Vorstandschef Thomas Winkelmann der „Rheinischen Post“. Seit dem Wechsel auf einen neuen Flugplan Ende März gibt es zahlreiche Verspätungen und Flugausfälle bei der hoch verschuldeten Fluggesellschaft.

Unions-Fraktion reagiert zurückhaltend auf VZBV-Forderung
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Verbraucherschützer schlagen Alarm - In Deutschland gibt es pro Tag 69 Problemflüge

0 Kommentare zu "Verbraucherschützer schlagen Alarm: In Deutschland gibt es pro Tag 69 Problemflüge"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%