Vereitelte Bombenanschläge
Terrorverdächtige orderten noch mehr Chemie

Neue Erkenntnisse im Fall der vereitelten Bombenanschläge: Die gefassten islamistischen Terrorverdächtigen hatten bei ihrem Chemikalienlieferanten in Nordniedersachsen offenbar weitere Grundstoffe zum Bombenbau bestellt. Indes scheiterte eine Sonderkonferenz der Innenminister zur Verschärfung von Anti-Terror-Gesetzen.

HB HANNOVER/BERLIN. Drei 58-Liter-Fässer mit Wasserstoffperoxid, einem Grundmaterial für Sprengstoff, seien von den mutmaßlichen Terroristen nicht mehr abgeholt worden, sagte der Chemikalienhändler am Freitag. Für den Abholer der 12 gelieferten Fässer hält der Händler den zum Islam konvertierten Glaubenskrieger Fritz G. aus Ulm. Der Mann habe den Bombengrundstoff seit Februar in monatlichem Rhythmus mit einem Kombi abgeholt und sei korrekt aufgetreten.

Zunächst habe der mutmaßliche Terrorist ein bis zwei Fässer und schließlich drei Fässer pro Fahrt mitgenommen, sagte der Händler. Er selber habe das Wasserstoffperoxid von einem Großhandel aus Hannover bezogen und für 200 Euro pro Stück verkauft. Irgendwann sei die Kriminalpolizei bei ihm aufgetaucht und habe wissen wollen, was der Mann gekauft habe. Er habe der Polizei dann auf deren Bitten von den weiteren Bestellungen berichtet. „Wenn die Kripo deswegen kommt, habe ich mir schon gedacht, dass es um Sprengstoff geht“, meinte der Händler. An Terrorismus habe er aber nicht gedacht. „Das was da geplant war, zieht einem die Schuhe aus.“

Die Terrorverdächtigen orderten das Wasserstoffperoxid offenbar bewusst in einer geringeren Konzentration von 35 Prozent. Ab einer 50-prozentigen Lösung hätten sie nämlich eine Erklärung über den endgültigen Verbleib und eine Ausweiskopie abgeben müssen, erklärte der Händler. Durch Zusatz weiterer Chemikalien hätte das Wasserstoffperoxid in ein hochexplosives Pulver verwandelt werden können, sagte der studierte Chemiker. „Da wäre richtig etwas passiert.“ Alleine die mit Hilfe der bereits abgeholten Chemikalien mögliche Sprengkraft hätte die der Anschläge von Madrid und London nach Experteneinschätzung bei weitem übertroffen.

Indes diskutierten die Innenminister von Union und SPD über den Einsatz von Online-Razzien, konnten sich aber letztlich nicht einigen. Sie hätten das Thema vertagt, sagte der Vorsitzende der Bundesinnenministerkonferenz, der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Die Differenzen zwischen Unionsressortchefs einschließlich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), die dieses Instrument möglichst schnell in ein Gesetz schreiben wollen, und der SPD seien nicht aufgelöst worden.

Die Ermittler drängen laut der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) wie Schäuble auf erweiterte Befugnisse. Die mutmaßlichen Terroristen seien sehr versiert im Abschütteln und Abwehren von Überwachungsmaßnahmen gewesen, sagte ein nicht namentlich genannter Beamter der Zeitung und sprach von "professionellem nachrichtendienstlichem Wissen". Die Mitglieder der Gruppe hätten beispielsweise ungeschütze W-Lan-Hotspots unbescholtener Bürger benutzt, um Internetverbindungen herzustellen.

Einig wurden sich die Innenminister dagegen in dem Vorhaben, dass bestimmte Vorbereitungshandlungen für terroristische Anschläge unter Strafe gestellt werden sollen. Die Teilnahme etwa an einem Terrorcamp oder die Werbung für terroristische Aktivitäten solle nicht länger straffrei sein. Die Minister gingen gemeinsam davon aus, dass die Bundesregierung in Kürze entsprechende Schritte einleiten werde.

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