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Verfahren eingeleitet: 14:0 gegen Schavan

Fernab von Berlin trifft die Uni Düsseldorf eine schicksalhafte Entscheidung über die Bildungsministerin: Sie leitet ein Verfahrung zum Entzug von Schavans Doktortitel ein. Damit droht der 57-Jährigen das politische Aus.

Düsseldorf
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Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) muss um ihren Doktortitel bangen: Die Universität Düsseldorf eröffnet offiziell ein Verfahren zum Entzug des vor mehr als 30 Jahren erworbenen Titels. Nach mehrstündigen Beratungen beschloss der zuständige Rat der Philosophischen Fakultät am Dienstagabend, das Verfahren einzuleiten.

Das kündigte der Ratsvorsitzende, Professor Bruno Bleckmann, an. Das Gremium folgte damit der Empfehlung der Promotionskommission, die als Vorinstanz die aus dem Jahr 1980 stammende Dissertation Schavans geprüft hatte. Der Fakultätsrat habe in geheimer Abstimmung mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung für die Einleitung des Hauptverfahrens gestimmt, sagte Bleckmann. „Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das Verfahren ergebnisoffen ist.“ Für den 5. Februar sei eine weitere Sitzung des Fakultätsrats angesetzt. Dann werde über die Fortsetzung des Verfahrens beraten.

Die Affäre um die Doktorarbeit der Bildungsministerin

  • 16. Januar 2012

    Mitglieder der Enthüllungsplattform Vroniplag, die unter anderem Plagiate in der Arbeit der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin nachwiesen, legen eine Website zu Schavans vor 30 Jahren verfasster Doktorarbeit "Person und Gewissen" an. Sie entscheiden sich jedoch dagegen, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil die gefundenen Textstellen dies nicht rechtfertigten.

  • 2. Mai

    Ein anonymes Mitglied des Vroniplag-Netzwerks, das sich "Robert Schmidt" nennt, veröffentlicht die Vorwürfe gegen die CDU-Politikerin auf einer Website namens "schavanplag". Schavan erklärt sich bereit, sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen und versichert, die Arbeit "nach bestem und Gewissen" angefertigt zu haben. Auf Bitten Schavans beginnt der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät ihrer alten Uni ein Prüfverfahren.

  • 9. Oktober

    "Robert Schmidt" gibt bekannt, er habe die Suche nach Fehlern in Schavans Arbeit abgeschlossen. Insgesamt kritisiert er nun 92 Stellen in der mehr als 350 Seiten umfassenden Doktorarbeit.

  • 14./15. Oktober

    Der "Spiegel" zitiert aus einem vertraulichen Gutachten des Vorsitzenden des Promotionsausschusses der Uni Düsseldorf. Laut dem Bericht wirft der Religionswissenschaftler Stefan Rohrbacher darin Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vor. Schavan erfährt von der Existenz des Gutachtens erst durch einen Journalisten des Magazins. In der "Süddeutschen Zeitung" weist sie die Unterstellung einer Täuschungsabsicht "entschieden zurück". Sie räumt ein, sie habe "hier und da noch sorgfältiger formulieren können".

  • 16./17. Oktober

    Wegen des durchgesickerten Gutachtens hat die Universität Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Uni-Rektor Michael Piper kündigt an, die Universität werde von nun an keine Informationen zum Verfahrensstand mehr geben. Ranghohe Wissenschaftsfunktionäre kritisieren schwere Verfahrensfehler der Uni und fordern das Einholen eines externen Gutachtens. Schavans Doktorvater Gerhard Wehle verteidigt die Doktorarbeit als "in sich stimmig".

  • 21. Dezember

    Erneut gelangen Informationen aus den Uni-Gremien an die Öffentlichkeit. Der "Spiegel" berichtet, dass die Promotionskommission geschlossen hinter einem Aberkennungsverfahren stehe.

  • 16. Januar

    Ein externer Gutachter stärkt der Uni den Rücken. Der Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus Gärditz kommt zu dem Ergebnis, dass keine "rechtlich relevanten Verfahrensfehler" festzustellen sind.

  • 19./20. Januar

    Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass die Universität ihren Vorwurf abgeschwächt hat. Der Promotionsausschuss wirft Schavan demnach nicht mehr vor, absichtlich getäuscht zu haben. Dennoch empfiehlt die Kommission laut dem Bericht dem Fakultätsrat, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels einzuleiten.

Der Vorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, legte vor diesem Hintergrund Schavan indirekt den Rücktritt nahe. „Das Problem für Frau Schavan ist ihre sehr entschiedene Stellungnahme zum Plagiatsfall des Freiherrn zu Guttenberg - das holt sie jetzt ein“, sagte Stegner, der auch Mitglied im SPD-Bundesvorstand ist. „Für eine Wissenschaftsministerin müssen im Übrigen in dieser Frage die höchsten Standards gelten, nicht die niedrigsten“, betonte er. „Insofern sieht es schlecht für sie aus.“

Schavan hatte Anfang 2011 zur Plagiatsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gesagt, als Wissenschaftlerin, die vor 30 Jahren selbst promoviert habe, schäme sie sich "nicht nur heimlich" für das Debakel um Guttenbergs Doktorarbeit. Den Entzug des Doktortitels durch die Universität Bayreuth halte sie für richtig, abgekupferte Passagen auf Hunderten Seiten der Doktorarbeit seien keine Lappalie. "Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt. Und der Schutz geistigen Eigentums ist ein hohes Gut", sagte Schavan.  Guttenberg hatte Teile seiner Doktorarbeit ohne Quellenangaben abgeschrieben.

Wenn die Universität Anzeichen für ein wissenschaftliches Fehlverhalten habe, müsse sie dem „konsequent und unabhängig von Person und Position“ nachgehen, sagte Bleckmann. Die Fakultät habe zu überprüfen, ob der Doktortitel seinerzeit zu Recht verliehen wurde. Dabei werde der Rat sowohl die vorinstanzliche Untersuchung der Promotionskommission als auch die Stellungnahme Schavans einbeziehen.

Über die mögliche Entziehung des Doktorgrades wird nach dem Abschluss des Hauptverfahrens entschieden. Sollte der Rat für die Aberkennung stimmen, könnte Schavan innerhalb eines Monats vor dem Verwaltungsgericht dagegen klagen. Das Gremium kann ein Entziehungsverfahren aber auch ablehnen und die Untersuchung damit beenden.

Plagiatsjäger Nicht nur Schavan bangt um ihren Titel

Die Suche nach unehrlichen Doktoren reißt nicht ab, berichtet eine Plagiatsjägerin.

Die Entscheidung wurde begleitet von einem heftigen Wissenschaftsstreit über das Prüfverfahren der Uni und die Tragweite der angeblichen Zitierfehler Schavans. Schavan hatte 1980 als 25-Jährige mit der Arbeit „Person und Gewissen“ im Fach Erziehungswissenschaften den Doktortitel erworben. Die Dissertation war zugleich Schavans erster Studienabschluss, was damals noch möglich war.

Die Plagiatsvorwürfe waren Ende April 2012 auf einer Internetplattform erhoben worden. Schavan werden fehlende Quellennachweise, das Verschleiern geistigen Eigentums und die Vernachlässigung wissenschaftlicher Standards vorgeworfen. Die Ministerin und enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat einen Täuschungsversuch mehrmals zurückgewiesen.

Die Entscheidung fiel am Abend an einem unwirtlichen Ort. In einem geheim gehaltenen Uni-Gebäude – abgeschirmt vor Kameras und Journalisten – kam der Rat der Philosophischen Fakultät mit seinen 15 stimmberechtigten Mitgliedern zusammen. Das Gremium musste entscheiden, ob gegen Schavan ein Verfahren zum Entzug ihres Doktortitels eröffnet wird.

Im April vergangenen Jahres waren im Internet anonyme Plagiatsvorwürfe gegen Schavan aufgetaucht. Seitdem findet die Debatte um ihre 1980 in Düsseldorf eingereichte Dissertationsschrift zum Thema „Person und Gewissen“ kein Ende. An 60 bis 70 Stellen der Arbeit wollen Plagiatsjäger nicht sauber ausgewiesene Quellen entdeckt oder Verstöße gegen wissenschaftliche Standards ausgemacht haben.

Die Dissertation der damals 25-jährigen Studentin Schavan wurde mit der Note „magna cum laude“ (sehr gut) bewertet. Es ist Schavans einziger Studienabschluss. Spätestens dann, wenn es tatsächlich zum Entzug ihres Doktortitels kommen sollte, wäre Schavan als Bildungs- und Forschungsministerin nicht mehr tragbar.

Schummel-Dissertationen Das sind die Abschreiber

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Aber auch das Verfahren zuvor kann sich sehr lange hinziehen. Einige, wie der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, sagen bereits heute, dass selbst die Einleitung eines Entzugsverfahrens dem Amt des Bundesbildungsministers nicht gut tue – und Schavan über mögliche Konsequenzen nachdenken müsse. Ähnliche Stimmen gibt es auch aus der Koalition. Dort sorgt man sich allerdings mehr wegen des anstehenden Bundestagswahlkampfes.

Ein Blick in den Terminkalender der Ministerin offenbart die Brisanz. Am Mittwoch – dem Tag nach der Entscheidung der Düsseldorfer Universität – steht für 16 Uhr ein Seminar der Honorarprofessorin Dr. Schavan in der FU Berlin auf dem Plan – und am Abend ein Essen mit den Mitgliedern des Wissenschaftsrates – zusammen mit der Bundeskanzlerin.

Leitende Täuschungsabsicht? Dr. Annette Schavan will ihren Titel verteidigen

Die Universität Düsseldorf entscheidet am Dienstag in der Plagiatsaffäre der Forschungsministerin.

Die Ministerin will in jedem Fall wieder in den Bundestag und sich bereits an diesem Freitag für ein Direktmandat in ihrem CDU-Heimatverband Ulm/Alb-Donau nominieren lassen. Sie werde am 25. Januar antreten, hatte sie vor dem Beschluss des Fakultätsrats in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ angekündigt.

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Doch nicht nur für Schavan, auch für die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität könnte die Entscheidung folgenschwer werden. Die Uni steht unter einem immensen Druck in dem Prüfverfahren. Die Hochschule muss ihren Ruf verteidigen, seit eine interne Voruntersuchung des Chefs der Promotionskommission und Judaistik-Professors Stefan Rohrbacher in Medien lanciert wurde. Kritisiert wird auch die Länge des Verfahrens und dass bisher nur ein Gutachter die Arbeit geprüft hat. Die Universität hält mit einem Rechtsgutachten dagegen, das ihr bescheinigt, bei dem Prüfverfahren einwandfrei gearbeitet zu haben.

Kürzlich beim Neujahrsempfang der Universität sprach Rektor Michael Piper den Fall Schavan vor 700 Gästen öffentlich an. „Wir sind es uns und unseren 23.000 Studierenden schuldig, dass wir gegenüber einer ehemaligen Studentin, die heute Ministerin ist, keine anderen Maßstäbe anlegen als gegenüber jedem Einzelnen von Ihnen!“.

Die Debatte um Schavans Doktorarbeit spaltet inzwischen die Wissenschaft. Als völlig ungewöhnlich gilt das Vorgehen der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, die sich am Wochenende überraschend einmischten und deutliche Kritik am Vorgehen der Uni übten. In der Allianz arbeiten die großen Forschungsorganisationen zusammen, die Milliarden vom Bund erhalten, aber auch die Rektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat. Die Stellungnahme wird von Außenstehenden als Parteinahme der Allianz pro Schavan verstanden. Der Berliner Jura-Prof Gerhard Dannemann verwies im Deutschlandfunk darauf, dass bislang noch keinem Beschuldigten in einem Plagiatsverfahren solch prominente und hochkarätige Unterstützung wiederverfahren sei wie Schavan.

Bildungspolitik

Dannemann, der beim Plagiateportal „VroniPlag“ mitarbeitet, sagte: „Diese Arbeit hätte nicht als Doktorarbeit angenommen werden dürfen. Es sind zu viele grobe Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis drin“, sagte er. Die Frage sei aber, ob angesichts „krasserer Fälle“ der Doktortitel aberkannt werden müsse. Er halte den Ausgang des Verfahrens für offen.

Der Schweizer Literaturforscher Philipp Theisohn, der mehrere Bücher über Plagiate in der Wissenschaft geschrieben hat, sieht keinen Grund, Schavan die Doktorwürde zu entziehen. Er verwies in der „Rheinischen Post“ auf zeitgebundene Besonderheiten der Arbeit in der Pädagogik. Eine bewusste Täuschungsabsicht sei schwer vorstellbar.

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Schavans angebliche Zitierfehler werden allgemein als weniger gravierend angesehen als die des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). In der Plagiatsaffäre um Guttenberg hatte sich Schavan 2011 von ihm distanziert: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich“, sagte sie Anfang 2011 in der „Süddeutschen Zeitung“. Guttenberg war im März 2011 zurückgetreten. Auch den FDP-Politikern Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis wurden wegen Abschreibens ihre Doktortitel aberkannt.

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  • 22.01.2013, 20:56 Uhrhellboy

    Richtig so! Schmarotzertum und Betrug darf nicht noch belohnt werden! Wenn es nach mir geht sollten solche Personen auch alle zu unrecht kassierten Bezüge zurückerstatten, wie es auch bei jedem anderen "Sozialbetrug" vollzogen wird !!!

  • 22.01.2013, 21:01 Uhrwalter_drews

    Richtig so! Weg ist der Titel. Dieses gouvernantenhafte moralisierende Auftreten findet nun ein Ende. Und das ist gut für Deutschland. Das sollten die Konservativen die Frau S. noch verteidigen bedenken.

  • 22.01.2013, 21:08 UhrRBern

    Wer muss sich jetzt für Frau Schavan schämen?

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