Verfahren eingeleitet: 14:0 gegen Schavan

Verfahren eingeleitet
14:0 gegen Schavan

Fernab von Berlin trifft die Uni Düsseldorf eine schicksalhafte Entscheidung über die Bildungsministerin: Sie leitet ein Verfahrung zum Entzug von Schavans Doktortitel ein. Damit droht der 57-Jährigen das politische Aus.
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Düsseldorf

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) muss um ihren Doktortitel bangen: Die Universität Düsseldorf eröffnet offiziell ein Verfahren zum Entzug des vor mehr als 30 Jahren erworbenen Titels. Nach mehrstündigen Beratungen beschloss der zuständige Rat der Philosophischen Fakultät am Dienstagabend, das Verfahren einzuleiten.

Das kündigte der Ratsvorsitzende, Professor Bruno Bleckmann, an. Das Gremium folgte damit der Empfehlung der Promotionskommission, die als Vorinstanz die aus dem Jahr 1980 stammende Dissertation Schavans geprüft hatte. Der Fakultätsrat habe in geheimer Abstimmung mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung für die Einleitung des Hauptverfahrens gestimmt, sagte Bleckmann. „Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das Verfahren ergebnisoffen ist.“ Für den 5. Februar sei eine weitere Sitzung des Fakultätsrats angesetzt. Dann werde über die Fortsetzung des Verfahrens beraten.

Der Vorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, legte vor diesem Hintergrund Schavan indirekt den Rücktritt nahe. „Das Problem für Frau Schavan ist ihre sehr entschiedene Stellungnahme zum Plagiatsfall des Freiherrn zu Guttenberg - das holt sie jetzt ein“, sagte Stegner, der auch Mitglied im SPD-Bundesvorstand ist. „Für eine Wissenschaftsministerin müssen im Übrigen in dieser Frage die höchsten Standards gelten, nicht die niedrigsten“, betonte er. „Insofern sieht es schlecht für sie aus.“

Schavan hatte Anfang 2011 zur Plagiatsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gesagt, als Wissenschaftlerin, die vor 30 Jahren selbst promoviert habe, schäme sie sich "nicht nur heimlich" für das Debakel um Guttenbergs Doktorarbeit. Den Entzug des Doktortitels durch die Universität Bayreuth halte sie für richtig, abgekupferte Passagen auf Hunderten Seiten der Doktorarbeit seien keine Lappalie. "Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt. Und der Schutz geistigen Eigentums ist ein hohes Gut", sagte Schavan.  Guttenberg hatte Teile seiner Doktorarbeit ohne Quellenangaben abgeschrieben.

Wenn die Universität Anzeichen für ein wissenschaftliches Fehlverhalten habe, müsse sie dem „konsequent und unabhängig von Person und Position“ nachgehen, sagte Bleckmann. Die Fakultät habe zu überprüfen, ob der Doktortitel seinerzeit zu Recht verliehen wurde. Dabei werde der Rat sowohl die vorinstanzliche Untersuchung der Promotionskommission als auch die Stellungnahme Schavans einbeziehen.

Über die mögliche Entziehung des Doktorgrades wird nach dem Abschluss des Hauptverfahrens entschieden. Sollte der Rat für die Aberkennung stimmen, könnte Schavan innerhalb eines Monats vor dem Verwaltungsgericht dagegen klagen. Das Gremium kann ein Entziehungsverfahren aber auch ablehnen und die Untersuchung damit beenden.

Die Entscheidung wurde begleitet von einem heftigen Wissenschaftsstreit über das Prüfverfahren der Uni und die Tragweite der angeblichen Zitierfehler Schavans. Schavan hatte 1980 als 25-Jährige mit der Arbeit „Person und Gewissen“ im Fach Erziehungswissenschaften den Doktortitel erworben. Die Dissertation war zugleich Schavans erster Studienabschluss, was damals noch möglich war.

Die Plagiatsvorwürfe waren Ende April 2012 auf einer Internetplattform erhoben worden. Schavan werden fehlende Quellennachweise, das Verschleiern geistigen Eigentums und die Vernachlässigung wissenschaftlicher Standards vorgeworfen. Die Ministerin und enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat einen Täuschungsversuch mehrmals zurückgewiesen.

Die Entscheidung fiel am Abend an einem unwirtlichen Ort. In einem geheim gehaltenen Uni-Gebäude – abgeschirmt vor Kameras und Journalisten – kam der Rat der Philosophischen Fakultät mit seinen 15 stimmberechtigten Mitgliedern zusammen. Das Gremium musste entscheiden, ob gegen Schavan ein Verfahren zum Entzug ihres Doktortitels eröffnet wird.

Im April vergangenen Jahres waren im Internet anonyme Plagiatsvorwürfe gegen Schavan aufgetaucht. Seitdem findet die Debatte um ihre 1980 in Düsseldorf eingereichte Dissertationsschrift zum Thema „Person und Gewissen“ kein Ende. An 60 bis 70 Stellen der Arbeit wollen Plagiatsjäger nicht sauber ausgewiesene Quellen entdeckt oder Verstöße gegen wissenschaftliche Standards ausgemacht haben.

Die Dissertation der damals 25-jährigen Studentin Schavan wurde mit der Note „magna cum laude“ (sehr gut) bewertet. Es ist Schavans einziger Studienabschluss. Spätestens dann, wenn es tatsächlich zum Entzug ihres Doktortitels kommen sollte, wäre Schavan als Bildungs- und Forschungsministerin nicht mehr tragbar.

Aber auch das Verfahren zuvor kann sich sehr lange hinziehen. Einige, wie der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, sagen bereits heute, dass selbst die Einleitung eines Entzugsverfahrens dem Amt des Bundesbildungsministers nicht gut tue – und Schavan über mögliche Konsequenzen nachdenken müsse. Ähnliche Stimmen gibt es auch aus der Koalition. Dort sorgt man sich allerdings mehr wegen des anstehenden Bundestagswahlkampfes.

Ein Blick in den Terminkalender der Ministerin offenbart die Brisanz. Am Mittwoch – dem Tag nach der Entscheidung der Düsseldorfer Universität – steht für 16 Uhr ein Seminar der Honorarprofessorin Dr. Schavan in der FU Berlin auf dem Plan – und am Abend ein Essen mit den Mitgliedern des Wissenschaftsrates – zusammen mit der Bundeskanzlerin.

Die Ministerin will in jedem Fall wieder in den Bundestag und sich bereits an diesem Freitag für ein Direktmandat in ihrem CDU-Heimatverband Ulm/Alb-Donau nominieren lassen. Sie werde am 25. Januar antreten, hatte sie vor dem Beschluss des Fakultätsrats in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ angekündigt.

Doch nicht nur für Schavan, auch für die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität könnte die Entscheidung folgenschwer werden. Die Uni steht unter einem immensen Druck in dem Prüfverfahren. Die Hochschule muss ihren Ruf verteidigen, seit eine interne Voruntersuchung des Chefs der Promotionskommission und Judaistik-Professors Stefan Rohrbacher in Medien lanciert wurde. Kritisiert wird auch die Länge des Verfahrens und dass bisher nur ein Gutachter die Arbeit geprüft hat. Die Universität hält mit einem Rechtsgutachten dagegen, das ihr bescheinigt, bei dem Prüfverfahren einwandfrei gearbeitet zu haben.

Kürzlich beim Neujahrsempfang der Universität sprach Rektor Michael Piper den Fall Schavan vor 700 Gästen öffentlich an. „Wir sind es uns und unseren 23.000 Studierenden schuldig, dass wir gegenüber einer ehemaligen Studentin, die heute Ministerin ist, keine anderen Maßstäbe anlegen als gegenüber jedem Einzelnen von Ihnen!“.

Die Debatte um Schavans Doktorarbeit spaltet inzwischen die Wissenschaft. Als völlig ungewöhnlich gilt das Vorgehen der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, die sich am Wochenende überraschend einmischten und deutliche Kritik am Vorgehen der Uni übten. In der Allianz arbeiten die großen Forschungsorganisationen zusammen, die Milliarden vom Bund erhalten, aber auch die Rektorenkonferenz und der Wissenschaftsrat. Die Stellungnahme wird von Außenstehenden als Parteinahme der Allianz pro Schavan verstanden. Der Berliner Jura-Prof Gerhard Dannemann verwies im Deutschlandfunk darauf, dass bislang noch keinem Beschuldigten in einem Plagiatsverfahren solch prominente und hochkarätige Unterstützung wiederverfahren sei wie Schavan.

Dannemann, der beim Plagiateportal „VroniPlag“ mitarbeitet, sagte: „Diese Arbeit hätte nicht als Doktorarbeit angenommen werden dürfen. Es sind zu viele grobe Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis drin“, sagte er. Die Frage sei aber, ob angesichts „krasserer Fälle“ der Doktortitel aberkannt werden müsse. Er halte den Ausgang des Verfahrens für offen.

Der Schweizer Literaturforscher Philipp Theisohn, der mehrere Bücher über Plagiate in der Wissenschaft geschrieben hat, sieht keinen Grund, Schavan die Doktorwürde zu entziehen. Er verwies in der „Rheinischen Post“ auf zeitgebundene Besonderheiten der Arbeit in der Pädagogik. Eine bewusste Täuschungsabsicht sei schwer vorstellbar.

Schavans angebliche Zitierfehler werden allgemein als weniger gravierend angesehen als die des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). In der Plagiatsaffäre um Guttenberg hatte sich Schavan 2011 von ihm distanziert: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich“, sagte sie Anfang 2011 in der „Süddeutschen Zeitung“. Guttenberg war im März 2011 zurückgetreten. Auch den FDP-Politikern Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis wurden wegen Abschreibens ihre Doktortitel aberkannt.

Kommentare zu " Verfahren eingeleitet: 14:0 gegen Schavan"

Alle Kommentare
  • Das war ja sein großes Dilemma, er kam jemanden gefährlich nahe.Sein Bekanntheitsgrad,und seine Ausstrahlung wurden einfach zuviel für jemanden.Somit wurde der Reigen eröffnet,trotz anfänglicher Rückendeckung von einer gewissen Person.

  • Das ganze Prozedere und Getue über die Doktorarbeit von Frau Schavan ist unqualifiziert eine grenzenlose Unverschämtheit.
    Die Schuldigen für derartige Beschuldigungen sind bei den Hochschulen und Universitäten zu suchen und zur Verantwortung und Rechenschaft zu ziehen.
    Wie prüfen und bewerten den die dozierenden Professoren die Studienarbeiten?
    Es ist doch deren Angelegenheit, Aufgabe und Verantwortlichkeit Studien- bzw. Doktorarbeiten auf fehlerhafte Sachinhalte, Qualität, fehlende Quellenangaben etc. zu kontrollieren.
    Wie erfolgen denn die Benotungen von Studienarbeiten durch die Professoren wenn derartige mangelhafte Sachverhalte nicht erkannt werden?
    Wenn 30 Jahre nach Erteilung eines Doktortitels darüber diskutiert wird, ob dieser aufgrund von sogenannten Abschreibens, fehlendem Quellenverzeichnis etc. dieser aberkannt werden soll und dies nicht vorher erkannt wurde ist dies eine Blamage für unser Bildungssystem. Zur Aberkennung müssten dann schwerwiegendere und treffendere Gründe als diese vorliegen.

  • Stimmt alles - es gibt auch kein politisches Charisma mehr - wie zu Adenauer's oder Brandt's Zeiten eben...

    Mein Gott, wer braucht denn schon überall hochdekorierte Doktoren, die zwar einen Titel führen, aber dem Gesamtwohl schaden. Und dann sind die Meisten auch noch Winkeladvokaten und Rechtsverdreher - weil sie es verstanden haben, das Recht für sich zu nutzen !! Pfui Teufel!!

    Was wäre, wenn Freiherr zu Guttenberg nie einen Doktortitel erworben hätte, also keine Plagiatsaffaire entstanden wäre - er hätte nie einen Dr.-Titel gehabt - egal - aber er wäre womöglich heute ein besserer und glaubwürdiger Kanlzer oder Minister...!?

  • Schavan hatte Anfang 2011 zur Plagiatsaffäre um den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gesagt, als Wissenschaftlerin, die vor 30 Jahren selbst promoviert habe, schäme sie sich "nicht nur heimlich" für das Debakel um Guttenbergs Doktorarbeit. Den Entzug des Doktortitels durch die Universität Bayreuth halte sie für richtig, abgekupferte Passagen auf Hunderten Seiten der Doktorarbeit seien keine Lappalie. "Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt. Und der Schutz geistigen Eigentums ist ein hohes Gut", sagte Schavan.

    Diese Stellungnahme lässt doch aufhorchen, wer eigentlich der Theodor in die Wüste schickte :
    Die Zonenwachtel mit der Zunge der Schavan !!!
    So beißt man heute Rivalen weg...........!

  • Würden schwarze Politiker nicht so massiv am Sessel kleben, wäre Schavan längst weg vom Fenster. Wem kann man die Frau als Bildungsministerin noch zumuten? Man kann nicht den Bock zum Gärtner machen. Schavan fehlt die Rücktrittsvernunft. Obendrein schädigt sie die Union.

  • Betr. Frau Schavan.

    Braucht man/Frau um in der Politik ein Amt zu bekleiden eigentlich eine Doktortitel?

    Wichtig wären ein gesunder Menschenverstand.

    Nur der ist bei den Machtmenschen der Parteien auch nicht gefragt. Parteiarbeit und Beziehungen heißt das Zauberwort. Gibts Du mir Deine Zustimmung auf diesem Gebiet, gebe ich die Zustimmung für Dich auf einem anderen Gebiet.
    Frau Schavan vertritt BW innerhalb der CDU. Einen Doktortitel braucht man dafür nicht, das ist Parteienproporz.
    Und wenn ein Schreiber sich negativ darüber auslässt, soll sich mal die Posten in den einzelnen Parteien ansehen. Es gibt eine Partei, da hat man auch verdiente Arbeiter zu geachteten Volksvertretern gemacht. So war der Reichspräsident Ebert Schuhmacher. Frau Nahles hat als Büglerin ihre Karriere begonnen, bevor sie auf wundersame Weise Abitur und Studium volbracht hat. Willy Brand war Emigrant, Herbert Wehner im Moskau bei den Kommunisten.
    Viele derer die hier so selbstgerechte Kommentare auch über Frau Merkel schreiben, sollen sich erst mal informieren und nicht nur alles wiederverdaut wiedergeben, was sie irgendwo auf dem Boulevard aufgeschmackt haben.

  • naja, ganz so einfach ist es nicht. Wenn es zumindest keine streitbaren Aspekte gäbe, würde das Verfahren kaum eingeleitet. Außerdem zeigt di jüngere Geschichte, das gewisse Politiker ihre Beziehungen und Kontakte zur Erreichung des DOktorgrades missbrauchen. Ein gewisser Rösler soll ganze 30 Seiten für seine Dr. Arbeit benötigt haben (Meine 1. Projektarbeit war länger). Es zeigt daher zumindest auch teilweise die Doppelmoral einiger Politiker.
    Sicher muss auch die Verhältnismäßigkeit eingehalten werden, wenn man unbedingt etwas finden will, dann findet auch man etwas, da gebe ich dir recht.

  • Gleiches Recht für alle!
    Sollte der Vorwurf sich bestätigen hat Schavan jahrelang einen ihr nicht zustehenden Posten innegehabt und einem anderen somit die Zukunft verbaut. Wer mit unrechtmäßigen Maßnahmen an seinen Doktortitel gelangt ist, sollte dafür auch richtig bestraft werden. Dies ist kein Kavaliersdelitkt. Nur wenn eine nachträgliche scharfe Bestrafung befürchtet werden muss, kann man dieser Klientel Herr werden. Sollte das nicht so umgesetzt werden, braucht man keine Doktortitel mehr vergeben. Sie sind nicht mehr von Wert. Ein ganz typisches Beispiel dafür, wie der durch die Politik in den letzten Jahren betriebene Werteverfall in Deutschland voranschreitet.

  • Schon klar!
    Der Betrogene ist schuldig.

  • Die Fehler, welche auf "schavanplag" ersichtlich sind, sind zum Teil bei den Haaren herbeigezogen, der Rest nicht eindeutig als Vorsatz zu werten. Daneben ist diese "schavanplag"-Seite anonym veröffentlicht worden, d.h. der Autor steht nicht so wirklich hinter seinen Ausführungen. Die Fehler, welcher vorhanden sind, gibt es in JEDER Dissertation... natürlich ist das wieder ein populistisches Geschenk für den gemeinen Pöbel, welcher sowieso nichts von Akademikern hält. Und genau diese Leute dürfen hier frei und ohne Zwang ihren "Dünnp.i.." raulassen.

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