Verhandlung
Pfahls: Opfer oder Oberlump?

Das Phantom erscheint durch die Seitentür. Steif ist sein Gang, starr der Blick, die kleinen blauen Augen sind fest auf den Boden gerichtet. Erst als das Blitzlichtgewitter der Fotografen losbricht, probiert es ein Lächeln, versucht einen Scherz mit seinen Verteidigern.

HB AUGSBURG. Der Auftritt aber misslingt, hinter der fahlen Maske spürt man den inneren Kraftakt: verräterisch der runde Rücken, der leicht eingezogene Kopf, das schwere Luftholen. Als würde sich das Phantom gern noch einmal unsichtbar machen, vor den Staatsanwälten, den Richtern – und der Öffentlichkeit.

Doch die hat längst Witterung aufgenommen, an diesem Morgen, im nüchternen, schmucklosen Augsburger Justizgebäude. Im großen Sitzungssaal, dessen Jalousien die gleißende Sonne bannen, verharrt schon seit knapp einer Stunde eine bunte Mischung von wissbegierigen Schülern in halblangen Hosen bis hin zu alles besser wissenden Rentnern in ausgetretenen Sandalen. Was sie alle hierher getrieben hat? Der Angeklagte. Sein Name: Ludwig-Holger Pfahls.

„Ich wollte einfach mal sehen, wie der so ist“, sagt eine ältere Frau und reibt dabei nervös die fleischfarben bestrumpften Beine. Ihr Begleiter nickt. Er scheint Justiz-Profi zu sein: Durch seine Plastiktüte schimmert eine bayerische Brotzeit.

Verbrechen oder – juristisch korrekt – Vergehen macht offenbar hungrig. Und neugierig. Vor allem dann, wenn es sich um einen Täter handelt, um den sich Legenden ranken: das Phantom, Protagonist eines deutschen Politthrillers, die ehemals meistgesuchte Person auf der Fahndungsliste des Bundeskriminalamts, der vorher Deutschlands oberster Verfassungsschützer war, auch Karriere-Jurist, Lebemann und Dienstporsche-Fahrer.

Ein Mann, den sein Ziehvater Franz Josef Strauß einst in die Regierung von Helmut Kohl bugsierte. Pfahls half dort als Rüstungsstaatssekretär angeblich, Panzerdeals mit Saudi-Arabien einzufädeln, und soll dafür erhebliche Summen kassiert haben. Ihm wird jetzt, nach fünfjähriger Flucht und einem Jahr in Untersuchungshaft, der Prozess wegen Steuerhinterziehung und Bestechung gemacht.

Das außergewöhnliche Interesse der Öffentlichkeit an dem Fall erklärt sich damit, dass Pfahls vielen deshalb auch als Schlüsselfigur in der CDU-Spendenaffäre gilt; als jemand, der über die geheimen Machenschaften zwischen Wirtschaft und Politik in der Ära Kohl genauestens Bescheid weiß. Als jemand also, der die Frage beantworten könnte: Wie käuflich ist diese Republik?

Die Staatsanwälte sind überzeugt, dass Pfahls 1991 von dem nach Kanada geflohenen Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber 3,8 Millionen D-Mark Schmiergeld erhielt, und zwar für die Vermittlung von Fuchs-Spürpanzern nach Saudi-Arabien. Und das zu einer Zeit, als Militärs und Teile der Bundesregierung gar nicht einverstanden damit waren. Eingezahlt haben soll Schreiber das Geld auf ein Schweizer Konto: Deckname „Holgart“.

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