Verkehrspolitik
Der Radfahrer als neuer Sündenbock im Verkehr

Verkehrsminister Ramsauer sieht eine Verrohung der Sitten bei Radfahrern. Bund und Länder prüfen daher schärfere Strafen. Doch viele Städte sind auf die wachsende Zahl an Radlern gar nicht eingestellt.
  • 56

BerlinDer Tourist aus Ecuador ist überrascht. „Ich dachte, hier herrschen preußische Tugenden“, sagt der Mann aus dem südamerikanischen Land, als er in Berlin an der roten Ampel steht, die Radfahrer aber einfach an ihm vorbeirauschen. „Im Verkehr benehmen sich die Leute ja schlimmer als bei uns“, meint er.

Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat ähnliche Erfahrungen gemacht - er spricht vom Phänomen der Kampfradler. Daher gibt es Rufe nach härteren Strafen - das Problem ist aber auch, dass die Infrastruktur vielerorts auf immer mehr Radler nicht ausgelegt ist.

Wer in der Hauptstadt den Verkehr beobachtet, kann die Analyse des Ministers durchaus teilen. Ein Großteil der Radler scheint eine akute Farbenschwäche zu haben, Rot ist gleich Grün.

Hätte die Berliner Polizei das entsprechende Personal, könnten wohl Millionen eingenommen werden. Schließlich müssten eigentlich 100 Euro fürs Weiterfahren bezahlt werden, wenn die Ampel länger als eine Sekunde rot ist. Aber auch Busse und Taxis sind nicht gerade zimperlich, wenn es gilt, Radler abzudrängen - die ruppige Berliner Lebensart schlägt sich auch im Verkehr nieder.

Hinzu kommt das Alkoholproblem, Radler werden erst ab 1,6 Promille belangt. Die Polizei in Münster beschäftigt sich seit langem mit betrunkenen Radfahrern, die plötzlich auf der Straße liegen. 2011 waren 51 Radler, die zu tief ins Glas geschaut hatten, in der Fahrradhochburg an Unfällen beteiligt. 30 hatten mehr als 1,6 Promille. Von acht in den letzten fünf Jahren getöteten Radfahrern waren fünf alkoholisiert.

Bei Unfällen mit Autos hätten zu etwa 50 Prozent die Radfahrer Schuld, sagt Jan Schabacker von der Polizei Münster. Mit mehr Kontrollen und der Drohung mit Führerscheinverlust versucht man das Problem in den Griff zu bekommen.

Kommentare zu " Verkehrspolitik: Der Radfahrer als neuer Sündenbock im Verkehr"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wir haben ihn gesehen, den Kampf-Radler, bist Du auch einer?
    http://kettenblatt.blogspot.de/2012/04/wie-uns-der-peter-sieht.html

  • Aber nicht doch, es sind Menschen, nicht Fahrzeuge, die sich falsch verhalten. Ich bin selber als Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer und Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs unterwegs und finde das wechselseitige "die Autofahrer sind dies, die Radfahrer sind das" Geschubse einigermaßen schizophren. Ein Rotlichtverstoß ist selbstverständlich ein krasses Fehlverhalten. Geschwindigkeitsüberschreitung ist natürlich ebenso ein krasses Fehlverhalten. Das erste ist bei Radfahrern verbreitet, das zweite bei Autofahren. Beide benehmen sich in diesem Fall asozial. Dass ein Zusammenstoß mit einem Auto tödlicher ist, als der mit einem Rad, ändert nichts daran, dass in beiben Fällen der gleiche Typ Mensch das Lenkrad hält: ein rücksichtsloser "Hier komme ich, spring du zur Seite"-Arsch.

  • von Herrn Ramsauer ist nichts anderes zu erwarten, aber es zeigt sich einmal mehr das des Deutschen liebsten Kind einen Großteil des Spielplatzes allein beansprucht und alle anderen weg gebissen werden. Ich habe jedenfalls das Fahrradfahren in Berlin wegen der zahlreichen nah Tod Erfahrungen weitest gehend eingestellt und gehe zu lieber zu Fuß. Und wer ehrlich schaut sieht das Wohngebiete illegal und folgenlos zu geparkt werden und über Rote Ampel fahren Autos in Berlin schon lange ...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%