Verkehrte Welt in Berlin
Gabriel ruft Gewerkschaften zum Maßhalten auf

Ausgerechnet ein SPD-Bundeswirtschaftsminister fordert die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde auf, keine überzogenen Lohnforderungen zu stellen: Laut Gabriel müssten Produktivität und Lohnhöhe „korrespondieren“.
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BerlinDie Bundesregierung ruft die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde zum Maßhalten auf. Zwar müsse sich „gute Arbeit lohnen und existenzsichernd“ sein. Doch „andererseits müssen Produktivität und Lohnhöhe korrespondieren, damit sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erhalten bleibt“, heißt es im Jahreswirtschaftsbericht 2014, den Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) heute offiziell vorstellt und der dem Handelsblatt (Mittwochausgabe) bereits vollständig vorliegt.

Nur einen Tag nachdem die Gewerkschaft Verdi für den öffentlichen Dienst eine „deutliche Reallohnsteigerung“ von mehr als 3,5 Prozent gefordert hat, spricht sich Gabriel in dem Bericht damit gegen überzogene Lohnforderungen aus. Eine Position, die die im Jahr 2014 anstehenden Tarifverhandlungen für mehr als elf Millionen Beschäftigte verschärfen könnte.

Schließlich fordert die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für die Druckindustrie und die Deutsche Telekom 5,5 Prozent mehr Lohn. Ein Plus, das auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) für ihre Angestellten durchsetzen will. Bei einer erwarteten Inflation von 1,5 Prozent würden Abschlüsse in dieser Höhe einen deutlichen Reallohnzuwachs bedeuten.

Im Jahreswirtschaftsbericht mit dem Titel „Soziale Marktwirtschaft heute – Impulse für Wachstum und Zusammenhalt“ setzt Gabriel dagegen andere Akzente: Ihm geht es statt um höhere Löhne vor allem um eine Belebung des Arbeitsmarkts.

„Die Bundesregierung wird die Ausgestaltung des Mindestlohns so vornehmen, dass möglichst keine Arbeitsplätze verlorengehen“, heißt es in dem Bericht. Zudem plant der SPD-Chef, das Instrument der Leiharbeit zu optimieren und den Missbrauch von Werkverträgen zu verhindern. Das bedeutet: Die Wirtschaft muss nicht fürchten, dass sie die von Gewerkschaften und Teilen der SPD gescholtenen Instrumente komplett verliert.

Gabriels neue Bescheidenheit findet sich auch in den Prognosen für das Lohnniveau wieder. Die Effektivlöhne in Deutschland insgesamt werden demnach 2014 um rund 2,7 Prozent steigen.

Mehr zum Thema gibt es zum Download im Kaufhaus der Weltwirtschaft.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros

Kommentare zu " Verkehrte Welt in Berlin: Gabriel ruft Gewerkschaften zum Maßhalten auf"

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  • Ich würde vorschlagen, die GroKo auf Diät zu setzen!

    Die Führungsspitze ist zu fettleibig!!!

  • Was mir nicht klar ist: Warum sollen die Arbeitnehmer Maßhalten, wenn sich die Abgeordneten des Bundestages (DIE LINKE ist übrigens dagegen) eine Diätenerhöhung von 10% genehmigen will? Das ist doch inkonsequent, aber was soll man schon von einer CDU/SPD-Regierung anderes erwarten.

  • @Silvercoin

    Richtig. Da kann die große Mehrheit nicht meckern! Wer diese Leute gewählt hat (und sie wieder wählen wird), muß mit dieser Regierung eben "leben."

    Wer sich als SPD-Minister derart "maßvoll" zu den Gewerkschaften äußert, müßte eine saftige Wahlquittung kassieren.

    Wie dumm oder wie klug ist der deutsche Arbeiter?

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