Verlängerung der Lebensarbeitszeit
IG Metall rüstet gegen Rente mit 67

Neue Daten des Statistischen Bundesamtes liefern der Bundesregierung vermeintlich gute Argumente für die geplante Erhöhung des Rentenalters von 65 auf 67 Jahre. Denn die Erwerbsquote Älterer ist seit 1999 gestiegen. Doch die IG Metall mahnt an, dass sich bei genauerem Hinsehen die berufliche Lage von Berufstätigen ab 55 Jahren verschlechtert habe.
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BERLIN. Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes stieg seit 1999 die Zahl der 55- bis 64-Jährigen, die noch einer Arbeit nachgehen, von knapp 2,8 auf 3,6 Millionen. Die Beschäftigungsquote der Älteren liegt inzwischen bei 45,3 Prozent und hat sich damit günstiger entwickelt als in anderen Altersgruppen.

Doch die IG Metall gießt Wasser in den Wein: „Hinter diesen optimistisch stimmenden Zahlen verbirgt sich eine ernüchternde Wirklichkeit“, sagte der für Sozialpolitik zuständige Vorstand Hans Jürgen Urban dem Handelsblatt. „In Wahrheit hat sich die Lage älterer Arbeitnehmer verschlechtert.“ Als Beleg verweist Urban auf Daten des Arbeitsministeriums, dokumentiert in der Antwort auf eine Anfrage der Linken im Bundestag. Danach hat von den 21 Prozent der 64-Jährigen, die noch arbeiten, nur die Hälfte einen sozialversicherungspflichtigen Job. Davon wiederum arbeitet jeder Zweite als Minijobber, in Teilzeit, befristet oder in Leiharbeit. Hinzu komme, dass nach Daten des Statistischen Bundesamtes ein Fünftel der 55- bis 65-Jährigen im Niedriglohnsektor arbeitet, während dies bei den 35- bis 45–Jährigen nur für etwas mehr als jeden Zehnten zutrifft.

Für die IG Metall ist dies ein Indiz dafür, dass etliche der in der Erwerbsstatistik auftauchenden älteren Arbeitnehmer arbeitslos sind oder schon Rente beziehen und sich mit Minijobs oder Teilzeitarbeit lediglich etwas dazuverdienen. Die sich darin dokumentierende Verschlechterung der sozialen Lage Älterer lasse der Bundesregierung keine Wahl: „Sie muss den Start der Rente mit 67 verschieben, wenn sie nicht Rechtsbruch begehen will,“ sagte Urban. CSU-Chef Horst Seehofer habe daher Recht, wenn er die Unternehmen auffordere, mehr ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen. „Ich glaube nur nicht, dass der Appell fruchten wird.“

Urban verweist auf die Prüfklausel, die die Große Koalition nicht zuletzt auf Drängen der Gewerkschaften ins Rentenrecht geschrieben hatte. Bevor die Rente mit 67 ab 2012 schrittweise eingeführt werden kann, muss die Bundesregierung noch in diesem Jahr erstmals prüfen, „ob die Anhebung der Regelaltersgrenze unter Berücksichtigung der Entwicklung der Arbeitsmarktlage sowie der wirtschaftlichen und sozialen Lage älterer Arbeitnehmer weiterhin vertretbar erscheint“. Wie hoch die Erwerbsquote Älterer sein muss, steht allerdings nicht im Gesetz. Die SPD fordert eine Quote von 50 Prozent.

Von der Leyen hält an Starttermin fest

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist aber entschlossen, mit ihrem für Mitte November angekündigten Prüfbericht den Starttermin 2012 zu bestätigen. Zu Unrecht, findet nicht nur die IG Metall. Auch SPD und Linke wollen die Rente mit 67 über die Prüfklausel stoppen. Die IG Metall will Mitte der Woche bei einer öffentlichen Anhörung noch auf einen weiteren Umstand aufmerksam machen. Danach tun die Unternehmen trotz anders lautender Beteuerungen bislang kaum etwas dafür, Ältere im Job zu halten. So belegt eine Auswertung des DGB, dass selbst im Kernsektor der Industrie, der Metall- und Elektrobranche, der Anteil der Betriebe mit Fördermaßnahmen für Ältere seit 2002 von 24 auf 20 Prozent gesunken ist.

Urban fürchtet, dass sich daran so schnell auch nichts ändert: „Im Gegenteil. Wir haben aus den Betrieben Anhaltspunkte dafür, dass die Branche nach der Krise vor einer gigantischen Restrukturierung steht – mit Leistungsverdichtung, höheren Geschwindigkeiten der Produktionsbänder und kürzeren Taktzeiten.“ Zumindest in exportorientierten Branchen zeichneten sich damit härtere Arbeitsbedingungen ab, die wenig Raum ließen für die Beschäftigung nicht mehr ganz so leistungsstarker älterer Arbeitnehmer.

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  • Wenn man sich so umschaut, ist das verrückt. in den meisten Unternehmen arbeitet fast niemand mehr, der älter ist als 55 Jahre. Klar frage ich mich da auch manchmal, was mache ich eigentlich, wenn ich so alt bin?

  • kaum bekannt: in aller stille haben die sozialpolitiker eine zweite beitragsbemessugsgrenze eingeführt: für über 65 jährige werden arbeitggeberbeiträge für die rentenversicherung - natürlich ohne rentensteigerung und krankenkassenbeiträge fällig. bei der beitragsbemessungsgrenze im Arbeitsverhältnis werden denoch karankenkassenbeiträge auf die komplette rente einbehalten. so sieht die förderung der beschäftigung älterer, die einzahlungsgerechtigkeit und umverteilung bis in die kleinsten nischen aus. worte und handlungen der politiker sind nicht deckunggleich. die offizielle begründung lautet: arbeitgeber, die über 65- jährige beschäftigen dürfen gegenüber der beschäftigung jüngerer keine vorteile haben- das verzehrt unseren gemäß der politik wohl ordnungspolitisch sauberen arbeitsmarkt.

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