Verlag Hoffmann & Campe hat viel Geld investiert
Schröder, Harry Potter und der Jakobsweg

Der Altkanzler tourt durch die Republik – eine Lesereise, die bisherige Dimensionen sprengt. Ob es sich auszahlt, entscheidet sich im Weihnachtsgeschäft.

BERLIN. Es gibt sie noch, die gute alte Schröder-Show. Lässig sitzt der Altkanzler und Neu-Buchautor auf einem blauen Sofa auf der Bühne des Theaters am Schiffbauerdamm und erzählt aus seinem Leben. Mal durchschneidet er mit seiner Handfläche die schwül-stickige Luft, mal formt er mit seinen Fingern einen Schnabel, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Ja, es gibt eine Freundschaft zu Putin“. Oder er hebt ganz einfach den Daumen, um seine Überlegenheit zu demonstrieren.

Gut 600 Gäste, darunter Willy-Brandt-Weggefährte Egon Bahr und Schröder-Intimus Manfred Bissinger, lauschen andächtig. Der Buchclub des Medienkonzerns Bertelsmann hat zusammen mit dem ZDF und der Wochenzeitung „Die Zeit“, die ebenso wie das Handelsblatt zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, zum Schröder-Auftritt eingeladen. Dort, wo sonst Schauspielerin Angela Winkler auf der Bühne steht oder Sängerin Gisela May „Brecht von A bis Z“ präsentiert, doziert diesmal der Memoiren-Schreiber aus Hannover.

Moderator Wolfgang Herles, ansonsten Chef der ZDF-Kultursendung „Aspekte“, wird von Schröder schnell zum Stichwortgeber degradiert. „Ich wollte die Deuter meiner sieben Jahre im Kanzleramt nicht allein lassen“, sagt Schröder zu seiner Motivation, so schnell nach der verlorenen Bundestagswahl im vergangenen Jahr ein 544 Seiten starkes Resümee zu verfassen.

Schröder liebt die Bühne, Schröder braucht die Bühne. Denn der Privatmann muss seine Erinnerungen mit dem Titel „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“ verkaufen. Der Verlag Hoffmann & Campe hat für Schröder einen zweimonatigen Werbefeldzug organisiert, der seinesgleichen in der Buchbranche sucht. Noch nie hat ein Politiker mit so viel Verve seine Memoiren in Deutschland vermarktet.

Während sein Amtsvorgänger Helmut Kohl sich damals nur zu einer Hand voll Lesungen durchringen konnte, macht Schröder daraus einen Vollzeitjob. „Wenn Schröder nicht mit Spaß auf die Bühne steigen würde, könnten wir die Tournee vergessen“, sagt der Münchener PR-Unternehmer Claus-Martin Carlsberg. Der frühere Pressechef der Verlagsgruppe Ullstein-Heyne-List ist mit der Publikumsresonanz zufrieden: „In Koblenz wurden die Tickets für die Schröder-Lesung sogar über das Internet versteigert.“

Doch Hape Kerkeling sitzt Gerhard Schröder im Nacken. Der Publikumsliebling des Bertelsmann-Senders RTL hat zuletzt seine Sinnsuche auf dem Weg nach Santiago de Compostela aufgeschrieben. Sein Buch über seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg unter dem Titel „Ich bin dann mal weg“, erschienen im kleinen Malik-Verlag, hat jetzt den Altkanzler vom Platz eins der deutschen Bestsellerliste verdrängt. Insgesamt hat es sich über 650 000 Mal verkauft. Klamauk-Mann siegt über Staatsmann. Das schmerzt Autor und Verlag. „Der Verlag darf auf keinen Fall auf seinen Auflagen sitzen bleiben“, sinniert Carlsberg. „Der Kampf um die Aufmerksamkeit ist schärfer geworden.“

Seite 1:

Schröder, Harry Potter und der Jakobsweg

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%