Verlorene Perspektiven
Unternehmen gehen die Azubis aus

Die gute Nachricht: Trotz sinkenden Lehrstellenangebots ist die Chance groß, dass dieses Jahr jeder Bewerber einen Ausbildungsplatz findet. Denn deren Zahl nimmt demografisch bedingt ebenfalls ab. Und das ist zugleich die schlechte Nachricht: Der deutschen Wirtschaft gehen in einigen Jahren die Azubis aus.

BERLIN. Der Reihe nach: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fürchtet, dass die Betriebe seines Beritts wegen der Krise dieses Jahr bis zu zehn Prozent weniger Auszubildende einstellen. Für die gesamte Wirtschaft bedeutet das eine Schrumpfung des Lehrstellenangebots um rechnerisch sechs Prozent, denn die IHK-Betriebe bilden mittlerweile 60 Prozent aller Lehrlinge aus. Das gilt allerdings nur, wenn sich nicht auch andere Bereiche aus der Ausbildung zurückziehen. Bisher sieht es nicht so aus: Das Handwerk, das rund ein Drittel aller Plätze bereitstellt, rechnet nach einem Rückgang im vergangenen Jahr für dieses Jahr mit einem stabilen Angebot, sagte ein Sprecher. Auch bei den freien Berufen sei kein Einbruch in Sicht, heißt es beim DIHK.

Ein besonders großes Minus bei der Ausbildung ist nach der DIHK-Umfrage vor allem in der exportabhängigen Industrie zu erwarten: Hier wollen fast 30 Prozent der Unternehmen die Ausbildung drosseln. Nur noch 15 Prozent planen eine Aufstockung. Ausgerechnet bei den krisengeschüttelten Banken und den Versicherungen hingegen sind die Ausbildungspläne nahezu auf dem Stand des Vorjahres. Das könne nur daran liegen, dass diese Branchen „einen großen Nachholbedarf haben, weil sie in den Vorjahren nicht genügend geeignete Bewerber gefunden haben“, vermutet DIHK-Chef Martin Wansleben.

Für die Jugendlichen selbst stellt sich die Lage jedoch weniger dramatisch dar. Denn parallel zum Angebot sinkt auch die Nachfrage: Die Zahl der Schulabgänger geht 2009 um weitere vier Prozent zurück – bei denen ohne Hochschulzugangsberechtigung macht das Minus sogar fünfeinhalb Prozent aus. Zudem sinkt die Zahl der Altbewerber voraussichtlich weiter von zuletzt 320 000 auf vielleicht noch 250 000, wie die Ausbildungsexpertin des DIHK, Sybille von Obernitz, schätzt. Unterm Strich und bundesweit betrachtet könnten die Chancen auf einen Platz etwa so gut sein wie 2008, sagte Wansleben. 2008 gab es am Ende noch 5000 mehr offene Plätze als unversorgte Bewerber.

Was im Moment als glückliches Zusammentreffen wirkt, ist jedoch mittelfristig eine Bedrohung des Standortes: 2020 wird den Betrieben eine Viertelmillion Bewerber fehlen – das Angebot wird um 30 Prozent geringer sein als 2007. „Die Demografie schlägt voll zu“, sagte Wansleben. Daher gelte: „Je weniger wir werden, umso besser müssen wir sein“, sagte der DIHK-Chef und fordert erneut „bessere Kindergärten und bessere Schulen“. Weil aber selbst bei großen Fortschritten der Bedarf nicht gedeckt werden kann, fordert der DIHK auch eine „andere Einwanderungspolitik“.

Schon jetzt, in der Krise, klagen die Unternehmen über das „schlechte Angebot“. Inzwischen sagen 21 Prozent der Unternehmen, sie hätten 2008 nicht alle Plätze besetzen können – vor allem, weil es nicht genügend geeignete Bewerber gab. 2006 lag dieser Wert noch bei zwölf Prozent. Wären diese besser ausgebildet, würden 220 000 Betriebe in Industrie und Handel zusammen mindestens 35 000 Azubis zusätzlich engagieren, rechnet der DIHK vor. Erstmals seit der ersten DIHK-Ausbildungsumfrage 2005 fällt das Urteil nun milder aus. Defizite im mündlichen und schriftlichen Ausdruck melden diesmal „nur noch“ 56 Prozent der Betriebe – 2005 waren es zwei Drittel. Auch die mathematischen Kenntnissen haben sich zumindest leicht gebessert: Hier sank der Anteil der Unternehmen, die nicht zufrieden waren, von 55 auf 51 Prozent. Die heftigen Debatten nach dem Pisa-Schock und die darauf folgenden Reformen in den Schulen scheinen zu wirken. Das sei sehr erfreulich, aber „noch lange nicht genug“, mahnte Wansleben. Die Länder müssten umsetzen, was sie beim Bildungsgipfel mit der Kanzlerin versprochen hatten: die Abbrecherquote von rund acht Prozent halbieren und die Bildungsausgaben kräftig aufstocken.

Eine Gruppe wird jedoch auf dem Ausbildungsmarkt wieder an den Rand gedrängt: die Migranten. Als im Aufschwung Lehrlinge knapp zu werden drohten, entdeckten Politik und Wirtschaft die jungen Türken und Araber als Potenzial. Vorbei: „In der Krise nehmen die Betriebe die, mit denen sie es am leichtesten haben“, gibt DIHK-Chef Wansleben unumwunden zu.

Die Hilfe

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zahlt eine „Ausbildungsbeihilfe“, wenn Lehrlinge weit von zu Hause arbeiten, älter als 18 oder verheiratet sind oder ein Kind haben. Abhängig vom Einkommen der Eltern und der Höhe der Ausbildungsvergütung können das mehrere Hundert Euro monatlich sein. Der DIHK fordert eine Aufstockung des Topfes von rund 100 Mio. Euro.

Die Probleme

Das Instrument ist sowohl unter den Auszubildenden als auch unter den Betrieben viel zu wenig bekannt. Hier müssten sowohl die BA als auch die Kammern mehr Werbung treiben. Zudem gelten die Anträge als kompliziert.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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